Mit seinen Programmen und seiner Propaganda erreicht Ost-Berlin nur noch die Angepaßten

Von Marlies Menge

Ost-Berlin, Ende Februar

Niemand im Haus hätte etwas bemerkt, hätte es nicht in der zweiten Etage einer Ostberliner Altbauwohnung von der Decke getropft. Die Frau holte den Hauswart, und beide klingelten in der Wohnung ein Stockwerk höher. Niemand öffnete. Die Polizei, herbeigerufen, brach die Tür auf. Im Zimmer wuchs saftig grünes Gras, und mittendrin stand ein Sarg – als Schlafstatt eines Grufties. Die Tropfen in der Wohnung drunter stammten vom Wässern des Rasens. Eine für Ost-Berlin so exotische Privatinszenierung, daß sie gern weitererzählt wird.

An den Anblick von Punks und Skinheads im Straßenbild hat sich der DDR-Bürger gewöhnt. Grufties sieht er seltener. Was sie zusammenhält, erzählen allenfalls jene, die früher einmal dabei waren. Wie Jürgen, der blonde junge Mann, den ich eines Tages ein Stück Weges auf der Landstraße mitnahm. Ob ich ihn wohl auch als Gruftie mitgenommen hätte, fragte er: mit schwarz-flatterndem Umhang, tiefschwarz umrandeten Augen und Kreuz oder Totenkopf um den Hals. Erst sei er bei den New Romantics gewesen, erzählte er. Das sind die mit den schwarz- oder blondgefärbten hochtoupierten Haaren, den geschminkten Gesichtern und der schwarzweißen Kleidung. Das sind die mit der romantisch-depressiven Stimmung. Damals sei er kaum 15 gewesen.

Angefangen habe es damit, daß in der Klasse Bravo gelesen wurde, eine Jugendzeitung, aus dem Westen rübergeschmuggelt. Dort wurden Rockgruppen vorgestellt, und er und ein paar Freunde hätten sich besonders für eine Gruppe der New Romantics interessiert. Wie das so ist: erst die Photos ausschneiden und an die Wand hängende dann so aussehen und sein wollen wie sie. Es hätte ihnen Spaß gemacht, Leute auf der Straße mit ihrem Aufzug zu schockieren. Aber bald hätte kaum einer mehr hingeguckt. „Die Grufties schocken besser“, sagte Jürgen. Sie feiern nachts auf Friedhöfen ihre Feten, graben Särge aus, nehmen Knochen mit nach Hause, kommen wegen Friedhofsschändung vor Gericht.

Warum sie das machen? Ich solle doch mal die Grufties in Amerika und in Westdeutschland fragen, schlug der blonde Jürgen kühl vor. Dann redete er aber doch: davon, wie wenig sich Erwachsene wirklich für ihre Probleme interessierten, daß Jugendliche es auch in der DDR nicht leicht hätten. „Bei euch sind eine Menge junger Leute arbeitslos, bei uns kriegen sie in jedem Fall einen Beruf, aber oft nicht den, den sie sich wünschen.“ Seine Schwester wollte unbedingt mit Kindern zu tun haben, jetzt sitzt sie im Büro. Mir fiel die künstlerisch begabte junge Frau ein, die nicht Abitur machen durfte, auch nicht zur Lehre als Porzellanmalerin angenommen wurde. Heute arbeitet sie lustlos in einem Labor, hat angefangen zu trinken. „Alles ist irgendwie geregelt, vorherbestimmt“, sagte Jürgen. „Da will man irgendwie raus. Was probieren. Versucht alles mögliche, sogar Tischerücken, Geisterbeschwörungen.“