Wer lange genug zugeschaut hat, sah schon viele mehrfach vorüberziehen: von rechts nach links, von links nach rechts, von unten nach oben und hernach wieder in umgekehrter Richtung. Ohne Verwandlung – kein Leben. You live and learn.

Aber manchmal können allzu scharfe Kehren doch schwindelig machen, sogar schmerzen. Jeder kennt Beispiele, aus der großen und der kleinen Welt. Wir nehmen die Frankfurter Kulturpolitik, in der Praxis immer schon, hochgreifendem Anspruch entgegen, von eher kleinformatigem Zuschnitt. Hilmar Hoffmann, ihr bewährter Steilwandfahrer, den dpa, dies freilich übertrieben kühn, kürzlich den „geistigen Vater“ der Mitbestimmung am Theater genannt hat (einer der wenigen Titel, auf den Hoffmann keinen Anspruch hat), der Frankfurter Kulturdezernent also hat jetzt, ohne viel Federlesens, die von ihm zu Beginn der siebziger Jahre – wann war das? – auf Drängen der Künstler des Theaters aufgelöste Generalintendanz der Städtischen Bühnen mit herzlicher Unterstützung der CDU wieder ins Leben zurückgeholt. „Für die Individualisten am Theater“, erklärt Hoffmann der Ältere, „werden Autoritäten gebraucht.“ Er hatte einst anders gesprochen, die einzigen Autoritäten des Theaters seien seine Künstler – doch er mag sich nun nicht mehr erinnern an sich.

Die Direktoren der drei Sparten (Oper, Schauspiel, Ballett) an dem Frankfurter Theater sollen in Zukunft die Generalintendanz bilden, genauer: solange die Verträge der Herren Bertini, Rühle und Forsythe noch gelten, danach kann dann alles an einen gegeben werden. Der ist auch mit Ulrich Schwab, vor Jahren als Direktor der Alten Oper in Frankfurt enthemmten Ehrgeizes wegen gekündigt, gut entschädigt, und bei Zadek in Hamburg untergekommen, schon in die Stadt zurückgeholt worden. Die Position, die zunächst eigens für ihn geschaffen wurde, heißt „Generalmanager“, eine (mit den Folgekosten mindestens 300 000 Mark teure) Vermittlungsinstanz zwischen der künstlerischen Leitung einerseits, Verwaltung und Technik andererseits. Bisher war das Theater immer ohne sie ausgekommen, jetzt wird uns bedeutet: Sie habe immer schon gefehlt, ein wahrer Fortschritt sei es und viel wichtiger natürlich als je die Mitbestimmung, daß sie endlich erfunden wurde.

Wirklich? Nein, da kann man mit Hoffmann nicht einig sein, bei aller Sympathie für sein Verlangen nach administrativer Autorität eingedenk der Schwierigkeiten, die ihm so manche Unverantwortlichkeit der Künstler während seiner fast zwanzigjährigen Amtszeit bereitet hat: Diese ganze Generalswirtschaft ist nur Frankfurter Gesundbeterei für das durch eine Fülle von personellen Fehlentscheidungen verschuldete Übel miserabler Organisation nicht nur des Theaters, sondern auch anderer Kulturinstitute.

„Generalmanager“ – nie dürfen wir uns daran gewöhnen, daß so ein Begriff wie selbstverständlich unter die Wörter des Theaters gerät: ein Titel aus den Sphären des Krieges und der Industrie, bezeichnend für die rücksichtslose Instrumentalisierung der Künste aus Gründen der Profilierungsgier von Politikern und Funktionären, scharfer Ausdruck einer fatalen, auf Frankfurt nicht beschränkten, aber dort besonders exotische Blüten treibenden Entwicklung.

Mit dem Typus hat die Stadt ja schon Erfahrung: Ein anderer „Generalmanager“, Boss der Kunsthalle „Schirn“ und des „Theaters am Turm“, hat das Theater in einer inzwischen schon jahrelangen Anstrengung regelrecht in die fast vollständige Bedeutungslosigkeit niedergemanagt. Mit großer Gebärde allerdings, wie denn auch die Managerin (doch, der Job ist nicht nur Männersache) da neuen Frankfurter „Kunstmesse“ diesen Markt allen Ernstes „ein Gesamtkunstwerk“ nennt. Mancher fragt in der Stadt schon, wann denn der Generalissimus kommt, um all den Generälen zu befehlen.

Was man von ihm erwartet, das große Wort, hat Ulrich Schwab sogleich gesprochen: Die Zusammenarbeit des Schauspiels mit dem hysterischen Theater des Einar Schleef müsse totalisiert werden, noch mehr Probenmonate für Schleef und drei Produktionen (statt bisher einer) von ihm je Spielzeit, am besten an einer eigenen, neuen Spielstätte; und dann soll Peter Zadek in Frankfurt regelmäßig Zwischenstation machen auf seinen Reisen, seine Schauspieler hier „parken“ dürfen. So werde Frankfurt bald, wie Schwab öffentlich wissen läßt, „ein Mittelpunkt des europäischen Theaters werden“.