Von Hans-Joachim Müller

Die "Rede an die Pinguine" klang so gar nicht nach franziskanischer Erbauungsprosa. "Unser Ziel ist", gab der Maler Asger Jörn bekannt, "der Herrschaft der Vernunft zu entkommen, die nichts anderes ist als die idealisierte Herrschaft der Bourgeoisie, um die Herrschaft des Lebens aufzubauen."

Es war 1949. Auf dem einen Teil des Ruinenkontinents Europa hatte sich die Herrschaft der Bourgeoisie längst neu fundiert und verläßlich befestigt. Auch Künstler traten damals mit großzügigen Marshall-Plänen auf. Eine Gruppe dänischer Maler gab dem New Yorker "Museum of Modern Art" "einige Informationen über die Grundlagen der neuen kreativen Kunst in Dänemark": "... wir erklären somit unseren Willen, an der Lösung der neuen menschlichen und künstlerischen Probleme teilzunehmen, die die jüngsten wissenschaftlichen, psychologischen und sozialen Entwicklungen aufgeworfen haben."

Nicht überall, wo die nationalsozialistischen Besetzer eingefallen waren, hatten sich ihre Statthalter und Reichskommissare gleich erfolgreich als Kulturzerstörer und -Verhinderer aufführen können. In Belgien, den Niederlanden und in Dänemark durchstanden trotz Isolation und Verfolgung kleine Gruppen links engagierter Maler und Literaten die Kriegsjahre – anfangs noch mit bescheidenen Ausstellungs-, Auftritts- und Reisemöglichkeiten, später dann meist im Untergrund. Avantgarde-Zirkel, die an den diskreditierten Ideen der Abstraktion weiterarbeiten wollten, das "entartete" Erbe Expressionismus zu retten suchten oder sich kritisch mit den französischen Surrealisten auseinandersetzten.

Gerade über den Bezugspunkt Paris fanden sie dann in den ersten Nachkriegsjahren schnell zueinander. Der belgische Lyriker Christian Dotremont betrieb 1947 die Gründung eines "Centre surrealiste-revolutionnaire", um Front zu machen gegen den Surrealisten-Übervater André Breton, der als kämpferischer Antistalinist aus dem amerikanischen Exil heimgekehrt war. Dem Kommunismus hätten die Alt-Surrealisten entnommen, was ihren Bedürfnissen gerade entsprochen habe, beklagte Dotremont, sich nur in eine magische Konzeption der revolutionären Notwendigkeit geflüchtet: "Nein, wir sollten nicht danach streben, einen bestimmten Punkt des Geistes zu ermitteln, sondern uns bemühen, für die Menschheit den Augenblick zu beschleunigen, da die Widersprüche objektiv gelöst werden."

Für die Menschheit und gegen das surrealistische Stammhaus in Paris, das "statt einer materialistischen Dialektik eine metaphysische Logik" gewählt habe, bildeten die Dissidenten in Belgien, Dänemark und den Niederlanden Ende 1948 die Gruppe "Cobra". "Cobra" stand für Copenhagen, Brüssel, Amsterdam. "Wir arbeiten zusammen und werden zusammenarbeiten. In diesem Geist der Effizienz vereinigen wir unsere nationalen Erfahrungen mit den dialektischen zwischen unseren Gruppen."

Sie glühten in ihrem missionarischen Fieber, die vielen Künstler-Manifeste aus den späten vierziger Jahren scheinen gesättigt von Sendungsbewußtsein, streng geradeaus gerichtet auf "Horizonte mit Sicht auf eine bessere Zukunft". Grundwortehaltige Jahre. Pausenlos tagten die Programmkommissionen, taten neue Verfahrensregeln kund und künstlerische Auslegeordnungen, veröffentlichten Thesenpapiere und gaben Grundsatzerklärungen ab – wir werden wohl noch einigen Abstand brauchen, um genauer beschreiben zu können, wie dann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die katechistische Lust den Künstlern mehr und mehr abhanden gekommen ist.