Von Bahman Nirumand

Auf dem berühmten „Revolutionsflug“ von Paris nach Teheran am 1. Februar 1979 führte ein Journalist kurz vor der Landung ein Interview mit Chomeini: „Ajatollah, Sie sind 15 Jahre in der Verbannung gewesen. Jetzt haben sich sechs bis sieben Millionen Ihrer Landsleute auf den Straßen zu Ihrer Begrüßung versammelt. Was empfinden Sie in diesem historischen Augenblick?“

Chomeinis Antwort: „Nichts.“

Wer ist dieser wundersame Alte, dieser grimmige Greis, der keine Gefühle zu haben scheint und doch Millionen von Menschen den Verstand raubt, sie in Ekstase versetzt, in den Krieg und den Märtyrertod treibt? Ist er ein gerissener Taktiker, ein Demagoge und Scharlatan, ein machtgieriger Misanthrop, dem die Religion nur als Mittel zum Zweck dient? Oder ist er ein islamischer Fundamentalist, ein unnachgiebiger Dogmatiker, der gottergeben und über Menschliches erhaben kein Opfer und kein Verbrechen scheut, um seine religiöse Mission zu erfüllen?

Ruchollah, sein Name bedeutet „Seele Gottes“, wurde 1902 in Chomein, einer kleinen Stadt am Rande der großen persischen Salzwüste, geboren. Im sechsten Monat nach seiner Geburt wurde sein Vater, ein Geistlicher, ermordet. Dies wurde von der abergläubischen Bevölkerung Chomeins als schlechtes Omen aufgefaßt. Ruchollah sei ein Unglückskind, raunten die Bewohner der kleinen Stadt. Es werde Unglück über die Stadt bringen. Die Mutter geriet durch solche Gerüchte in Panik, versteckte das Kind. Eine Tante gewährte ihm Zuflucht. Ruchollah wuchs als Waisenkind auf. Die Chomein umgebende Landschaft, der schier unendliche Horizont der Wüste, der Tod des Vaters und der Mangel an familiärer Geborgenheit formten den heranwachsenden jungen Mann zu einem melancholischen, einsamen, mystisch veranlagten Menschen.

Bis zu seinem sechzigsten Lebensjahr blieb der schiitische Schriftgelehrte im Verborgenen. Zwar war er politisch nicht untätig. So hatte er bei dem Sturz der demokratischen Regierung Mossadegh im Jahre 1953, durch den der Schah wieder an die Macht gelangte, die Hand mit im Spiel. Doch Chomeini hielt sich immer im Hintergrund, im Schatten bekannter Persönlichkeiten. Erst 1963 tauchte sein Name in der Öffentlichkeit auf. Als Wortführer einer fundamentalistisch-schiitischen Revolte prangerte er die sogenannte „Weiße Revolution“ des Schah an. Er verurteilte die darin angekündigte Landreform und vor allem das für Frauen vorgesehene Wahlrecht. Nach der Zerschlagung dieser Revolte, bei der es mehrere tausend Tote gab, wurde Chomeini für kurze Zeit verhaftet und anschließend nach einer mutigen und stark beleidigenden Rede gegen den Schah zunächst in die Türkei, dann in die irakische Stadt Nadjaf, das Zentrum des schiitischen Glaubens, verbannt. Erst im Oktober 1978 tauchte er überraschend in Paris auf und gelangte über Nacht zu Weltruhm. Fünfzehn Jahre lang hatte er im Exil im stillen Kämmerlein mit sich und seinem Gott verbracht, hatte kaum das Haus verlassen, selten Besuch empfangen und den lieben langen Tag Gebete vor sich hin gemurmelt. Nun stand er mit einem Schlag auf der politischen Bühne.

Die Stärke des Ajatollah gegenüber allen seinen geistlichen Kollegen und weltlichen Rivalen war seine unbeugsame, furchtlose, halsstarrige Radikalität. Erfüllt von Rache und Haßgefühlen forderte er in Paris unversöhnlich den Kopf des Schah. Der Volksaufstand im Iran war längst im Gange.