Von Carl-Christian Kaiser

Tokio, Ende Februar

Entspannte Gesichter und eine geradezu aufgekratzte Stimmung: Das will zu einem Staatsbegräbnis nicht passen. Aber auf dem Rückflug von der Beisetzung Kaiser Hirohitos wich, hoch über dem Beringmeer, von Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher die Anspannung, die für sie die drei Tage in der Megalopolis Tokio bedeutet hatten. Mit der stillen Intensität der Trauerzeremonie für den japanischen Kaiser, die vom Pomp vergleichbarer westlicher Staatsakte um Welten entfernt gewesen war, hatte die Anstrengung am wenigsten zu tun. Doch was sich darum herum an Kontakten und Treffen gerankt hatte, war auf eine Strapaze hinausgelaufen – freilich auf eine erfolgreiche.

Der Erfolg bestand schon in dem – wie einer Osmose folgenden – stillschweigenden Zusammenspiel zwischen Bundespräsident und Außenminister, der eine ohne Mandat, aber desto freier, der andere als Amtsperson auf seiner Linie. Es gehe nicht darum, täglich Bekenntnisse der Treue abzulegen und rasche Entscheidungen über relativ zweitrangige Fragen zu treffen, sagte Weizsäcker nach dem Treffen mit Präsident George Bush und Außenminister Baker. Das galt den Kurzstreckenraketen und ihrer sogenannten Modernisierung, um die sich nicht nur heftiger deutscher Streit, sondern auch viel Disput mit der bisherigen amerikanischen Administration entzündet hat, bis hin zu einem Test auf Bündnistreue.

Der Bundespräsident hält dagegen, daß die wirtschaftlichen Beziehungen, der kommende europäische Binnenmarkt, Neigungen zu neuem Protektionismus oder Probleme der internationalen Arbeitsteilung auf die Dauer im atlantischen Bündnis ungleich mehr Sprengkraft entfalten könnten als Raketen und deshalb größere Aufmerksamkeit verlangten. Der Außenminister denkt kaum anders. Offenbar haben sie in dem neuen amerikanischen Präsidenten einen aufmerksamen Zuhörer gefunden. Genscher hat das Thema in Tokio bei Gesprächen mit seinen Amtskollegen aus Frankreich, Holland und Norwegen vertieft. Nach alledem sieht es im Augenblick nicht so aus, als werde es beim Nato-Gipfel im Mai wegen der Raketen zu einer Explosion kommen, bei der Bonn die Trümmer um die Ohren fliegen.

So handfeste Probleme bei einem so feierlichen Ereignis? Nicht zuletzt die japanische Regierung hatte zu. verstehen gegeben, daß es am Rande der Begräbniszeremonie durchaus Gelegenheit zu politischen Gesprächen geben werde. Tokio als zeitweiliger Nabel der Welt: willkommene Gelegenheit für eine Regierung, sich als Gastgeber zu profilieren, die sich wegen neuer Korruptionsskandale in großen innenpolitischen Schwierigkeiten befindet. Niemand kann sagen, zu wie vielen Kreuz-und-Quer-Kontakten es zwischen Königen, Staatsoberhäuptern, Regierungschefs und Ministern aus 163 Staaten sowie den Repräsentanten von 28 internationalen Organisationen gekommen ist. Es war ein „Arbeitsbegräbnis“ ohne Beispiel, drei Viertel des Globus versammelt, weit mehr als bei den Beerdigungen John F. Kennedys, Josip Titos und Leonid Breschnjews.

Die Reverenz, vor allem vor dem Wirtschaftsriesen Japan, hatte auch dort Skrupel weggefegt, wo die Erinnerung an den Aggressor Japan und an die nach wie vor umstrittene Rolle, die der verstorbene Tenno dabei gespielt hat, noch lebendig ist, in England wie in den Niederlanden oder in Australien. Die sanfte Klage der Holzflöten, als Hirohito zu Grabe getragen wurde, hat sich im internationalen Stimmengewirr verloren. Doch gerade die scheinbar unverbindlichen Gesprächsgelegenheiten am Rande haben wahrscheinlich für viele Konfliktherde dieser Welt Lösungen näher gebracht als manche förmlichen Verhandlungen unter den Jupiterlampen des Fernsehens.