In Israel wäre ich Jüdin. Meine Mutter ist Judin. Jüdin — das Wort klingt fremd und bedrohlich, fast obszön. Ein Schimpfwort, ein Tabu. Scham klingt durch, die Scham, zu den Opfern zu gehören, aber auch die Scham, den anderen — den "normalen" Deutschen und Österreichern — die Peinlichkeit des Tabubruchs antun zu müssen "Ich bin Judin" — ich weiß nicht, ob ich das jemals so grad heraus gesagt habe. Denn Jüdin heißt für mich KZ, sonst nichts.

Ich habe keine Ahnung von der Religion, keine Ahnung von jüdischen Traditionen, es hat mich nie besonders interessiert. Ich bin österreichische Staatsbürgerin. Ich habe den Großteil meines 45jahrigen Lebens in Österreich verbracht. Doch abgesehen von einer gewissen sentimentalen Anhänglichkeit an Wien habe ich mich dort immer als Fremde gefühlt. Selten habe ich andere Menschen getroffen, mit denen sich meine persönliche Geschichte berührte. Die Frauenbewegung brachte den Durchbruch, endlich hatte ich eine Heimat gefunden. Als Frau konnte ich mein Anderssein mit den Frauen teilen.

Doch eine Fremdheit blieb. Irgend etwas war anders an mir. Als ich vor einigen Jahren zum erstenmal nach Israel fuhr, raste in mir die Aufregung: "Hier sind lauter Juden. Du brauchst dich nicht zu fürchten Zu Pessach in der Großfamilie meines Gastgebers wurde mir schlagartig bewußt, was ich nie vermutet hatte: Ich bin in einer jüdischen Familie aufgewachsen. Meine Mutter, die leidenschaftliche Antizionistm und Assimilationsfanatikerin, die auch vor gelegentlichen antisemitischen Bemerkungen nicht zurückschreckt, hat das Familienleben dominiert. Mein Vater war eine blasse Randerscheinung. In Israel fand ich das häusliche Chaos wieder, das meine Familie von den anderen Familien unterschied — das Geschrei, die Verbalität und die unverbesserliche Unvernunft meiner jüdischen Mutter.

Die äußeren Umstände haben das Verdrängen schwerer gemacht. Seit dem Konflikt um Waldheim ist Österreich für Juden noch ungemütlicher geworden. In den Kaffeehäusern Wiens reden die jüngeren Juden wieder vom Auswandern. Aber wohin? Israel ist nur mehr für wenige attraktiv. "Das ist eine Endlosdiskussion, die immer losgeht, wenn sich die Situation aufheizt", umreißt die 36jahrige Filmemacherin Ruth Beckermann im Cafe Prückl die Lage. Doch Wien zu verlassen ist nicht leicht "Wien ist so voll von dieser jüdischen Kultur", sagt die Tochter eines 1948 in die "Kaiserstadt" gekommenen rumänischen Textilhändlers.

Ruths Filme sind Auseinandersetzungen mit Wien, auch wenn die Stadt selbst nie vorkommt. Mehrmals hat sie mit Unterstützung ihrer Mutter versucht, Wien zu verlassen "Meine Mutter hat immer gesagt, heirate nur ja keinen Österreicher. Es muß kein Jude sein, aber keinen Österreicher " Ruth hat ein Jahr lang über das Weggehen nachgedacht, jetzt zieht sie zu ihrem Freund nach Genf. Auch ich habe mein ganzes Leben vom Weggehen geträumt. Es war so ein unbestimmtes Sehnen. England, das meine Eltern 1938 aufnahm und in dem ich geboren wurde, war stets eine mögliche Zuflucht. Als 1965 eine antisemitische Welle die Wiener Universität erfaßte, zog ich mich ein Jahr lang dorthin zurück. Mein englischer Paß ist mir ein kostbarer Schatz.

"Sobald ich im Ausland bin, fühle ich mich freier", bestätigt die Lehrerin Susanne Pollak mein Unbehagen an der Heimat, die für uns nie eine war. Ich kenne Susanne seit fünfzehn Jahren. Unsere Beziehung ist konfliktreich, wird manchmal unterbrochen von monatelangem Schweigen, aber es gibt eine Gemeinsamkeit, die Worte überflüssig macht "Im Ausland ist das Fremdsein legitimer", erklärt Susanne ihre jahrelange Wanderung durch Europa.

Das ist der Grund, warum ich mich entschieden habe, in die Bundesrepublik auszuwandern. Jüdische Freundinnen halten mich für verrückt. Doch hier kann ich mich in meiner Sprache ausdrücken und dennoch fremd sein. Es ist ein kostbares Gefühl von Freiheit. Die ethnische Durchmischung Kölns macht mich zu einer Fremden unter vielen. Als Heimat interessiert mich Deutschland nicht. Mein österreichischer Vater ist tot, meine polnische Mutter ist in ihrem Anderssein erstarrt. Ich bin ein Mischling ohne Verankerung. Doch das Sitzen zwischen allen Stühlen kann auch eine lustvolle Lebensform sein.