Eine Freundin ruft an und fragt, ob ich sie nicht begleiten will, ins Deutsche Theater, zu „Paris, Paris“, frei nach Bulgakows „Sojas Wohnung“. Es ist eines der Stücke, die dauernd ausverkauft sind. Aber die Freundin hat einen Bekannten, der ist mit einer befreundet, die jemanden aus dem Theater kennt, und die besorgt die Karten für uns.

Die Vorstellung, in die wir gehen, ist außer der Reihe eingeschoben worden. Das Theater ist auch an diesem Abend bis auf den letzten Platz ausverkauft. Um uns herum sitzen junge Leute, die dem Stück mit großer Begeisterung folgen. Sie haben Spaß an den Verrücktheiten, dem Absurden Sie delektieren sich an den aktuellen Bezügen: Wenn die auf der Bühne sich aus dem Sozialismus fortträumen in den Westen, nach Paris. Wenn von Visum und Ausreise die Rede ist. Wenn eine Wanze im Telephon entdeckt wird.

Es wird exzellent gespielt. Frank Castorf, der junge Regisseur, hat komische Einfälle. Trotzdem – manches erscheint mir zu lang, zu langweilig. Meine Gedanken schweifen ab. Ich werde müde.

Das Stück spielt zur Zeit der NÖP, Lenins „Neuer ökonomischer Politik“, eines Reformkurses, der in manchem Gorbatschows Reformen ähnelt. Auch Lenin hat zum Beispiel westliche Firmen eingeladen, in der UdSSR zu investieren. Lenin förderte Privatinitiativen: In Bulgakows Stück machen Soja und ihre Kumpane dank NÖP mit einem privaten Modeatelier samt Bordell gute Geschäfte. Der Autor prangert das Parasitäre jener Zeit an. Ich frage mich: Was will der Regisseur? Will er mit dem Stück für Gorbatschows Reformen werben oder sie kritisieren?

„Daß so was überhaupt im Deutschen Theater gespielt werden kann, ist phänomenal“, sagt ein junger Mann, der mir das Stück dringend empfohlen hat. Er ärgert sich ganz offensichtlich über meine Dusseligkeit. „Absurdes Theater war so lange so sehr verboten, daß es jetzt mit Macht und vielleicht manchmal ein bißchen übertrieben über DDR-Bühnen hereinbricht.“ Das sei nun mal so bei einem so großen Nachholbedarf. Aber das könne einer aus dem Westen natürlich nicht begreifen. Er jedenfalls sei sehr froh, daß es jetzt endlich solche Stücke in DDR-Theatern gebe. Und gleich empfiehlt er mir noch ein paar andere, sozusagen zum Einüben von absurdem Theater: „Lohndrücker“ von Heiner Müller, vom Autor selbst inszeniert. Oder Mrozeks „Fuchsquartett“, inszeniert von Horst Hawemann.

An einsamer Spitze aller seiner Empfehlungen aber steht „Das trunkene Schiff“, frei nach einem Stück von Paul Zech, auch von dem jungen Castorf inszeniert. Zwei Stunden hat sich der Theaterfan die Beine in den Bauch gestanden, um Karten dafür an der Abendkasse zu bekommen. „Das ist vielleicht noch verrückter als „Paris, Paris‘“, lobt er.

*