Tonlos und schicksalsschwer zugleich spult Helmut Kohl einen vorbereiteten Text über Berlin herunter. Der Stadt drohe höchste Gefahr, sagt er, wenn es zu einer Koalition zwischen SPD und AL komme. Keine Vokabel ist ihm zu gewaltig. Linksradikal. Anarchistisch. Katastrophal. Nur "satanisch", das hat der Kanzler nicht gesagt.

"CDU und CSU sind entschlossen, gemeinsam in die politische Offensive zu gehen..." So beginnt die Erklärung, die Kohl nach der Krisensitzung der beiden Parteien im Kanzleramt verliest. Es ist Montag, 15.43 Uhr. In diesem Moment, das wird klar, beginnt der Bundestagswahlkampf. Über den Ablauf des Gesprächs mit der CSU huscht der Kanzler hinweg, ihn interessiert nur das drohende Chaos in Berlin und was daraus sonst noch alles folgen möge.

Theo Waigel allerdings scheint es nicht zu genügen, einfach auf Berlin auszuweichen. Er listet mit demonstrativ finsterer Miene einen langen Problemkatalog auf.

Über Personen haben die Herren nicht (Kohl) und doch (Waigel) gesprochen. Über die Strategie der Union wurde debattiert (Waigel), aber auch wieder nicht so richtig (Kohl). Das Asylrecht wird geändert (Waigel) und doch auch wieder nicht (Kohl). Am Abend berichten die Fernsehnachrichten, Helmut Kohl und Theo Waigel hätten "Einigkeit demonstriert". So kann man das also auch zusammenfassen.

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Kleine Anfrage an CDU und CSU. Würden Sie sich heute, im Blick auf die Aussiedler, über das Wort Oskar Lafontaines von der "Deutschtümelei" noch einmal so erregen?

Bismarck, Kaiser Wilhelm und Hitler – der Vorwärts habe sie alle überlebt, seufzte Hans-Jochen Vogel. Die finanziellen Bedenken seines Schatzmeisters seien verständlich, fügte er vor dem Vorstand seiner Partei hinzu, aber der Vorsitzende, unter dessen Ägide das "Aus" für das Traditionsblatt der Sozialdemokraten erfolgt, möchte er eben auch nicht sein.