Von Wolfgang Hoffmann

Der Deutsche Bundestag zeigte ein ungewohntes Bild. Einhellig verurteilten alle Fraktionen des Parlaments nicht nur den Mordaufruf des Ajatollah Chomeini, sie forderten ebenso einmütig eine "universelle Antwort" auf den Mordbefehl. Der Berliner CDU-Abgeordnete Heinrich Lummer schloß in diese Antwort sogar ein, was in seiner Fraktion bisher stets verpönt war: Wirtschaftssanktionen.

Der vom iranischen Religionsführer ex officio befohlene Mord an dem indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie hat offenkundig mehr bewirkt als die massenhaften Hinrichtungen von Regimegegnern oder der tausendfache Mord an Kindersoldaten, die von fanatischen Mullahs im Namen Allahs als Minen- und Kanonenfutter im Golfkrieg mit dem Versprechen verheizt wurden, sie kämen sogleich ins Paradies. Es bedurfte erst eines staatlich autorisierten Mordauftrags, daß sich die westliche Welt zur Solidarität gegen das totalitäre Religionsregime in Teheran aufraffte.

Nicht nur im Deutschen Bundestag wurde offen über einen Wirtschaftsboykott gegen den Iran gesprochen, auch der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstags (DIHT), Hans Peter Stihl, wagte sich in einer Weise vor, wie man sie bei deutschen Unternehmern nur selten antrifft. Stihl fand nicht nur "die Forderung nach Wirtschaftssanktionen verständlich", er zeigte sich überzeugt davon, "daß angesichts einer so unübersichdichen und bedrückenden innenpolitischen Lage im Iran die deutschen Kaufleute von sich aus ihre Beziehungen zu diesem Land überdenken und entsprechend zurückhaltend gestalten werden".

Mehr Anteilnahme für den wegen seiner "Satanischen Verse" mit Mord bedrohten Schriftsteller Rushdie ist von deutschen Unternehmern kaum zu erwarten. Selbst die FAZ, Wirtschaftssanktionen gegenüber eher abgeneigt, meinte: "Es kann nicht angehen, mit den Feinden des Rechts und der Zivilisation, wie Chomeini, Handel zu treiben." Einzig der Welt blieb vorbehalten, überkommene Prinzipien des Welthandels hochzuhalten: "Bonn sollte sich bei aller Entrüstung über Chomeini nicht zum Boykott hinreißen lassen."

Entschieden freilich ist bisher nichts. Und ehe nicht die Briten eine härtere Gangart beschließen – Salman Rushdie ist immerhin britischer Staatsbürger –, wird sich die Bundesrepublik nicht übereifrig nach vorne drängen. Rochus-Ernst Freiherr von Lüttwitz, Geschäftsführer der Deutsch-Iranischen Handelskammer in Hamburg, empfiehlt den Mitgliedsfirmen, auch erst einmal "Ruhe zu bewahren". Er baut noch darauf, daß es nicht zu Sanktionen kommt. "In der Sache, dem Ausbau der deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen, ist jetzt aber erst einmal Pause." Dennoch ist von Lüttwitz optimistisch: "So nicht mehr Porzellan zerschlagen wird, dürfte alles auf kleiner Flamme weiterlaufen."

Auf so kleiner Flamme sind die deutschen Exporte in den Iran während des achtjährigen Golfkrieges allerdings nicht gelaufen. Im letzten Kriegsjahr, 1987, als die Zustände immer chaotischer wurden, exportierte die Bundesrepublik noch Waren im Wert von knapp drei Milliarden Mark. Gemessen an guten Jahren (sieben bis acht Milliarden Mark), war das allerdings wenig, noch weniger, gemessen an den künftigen Möglichkeiten.