Jenseits von Bug und Böse

Vier Jahrzehnte lang waren der Warschauer Führung die Hupkas und Czajas willkommen, um vertriebene Schlesier und Ostpreußen pauschal als Stoßtrupp des westdeutschen Revanchismus abzutun. Doch seit Anfang des Jahres agiert, offiziell in der nordostpolnischen Stadt Bialystok registriert, ein „Verein der Freunde von Grodno und Wilna“ – beides Städte, die vor dem Zweiten Weltkrieg zu Polen zählten und bei Kriegsende an die Sowjetunion abgetreten werden mußten. Will Warschau nun mit eigenen Hupkas und Czajas womöglich Ansprüche auf alte weißrussische oder litauische Gebiete erheben? Oder wird Heimatpflege endlich auch als normales menschliches Bedürfnis akzeptiert? Jedenfalls: Was Warschau den eigenen Vertriebenen erlaubt, sollte es den deutschen nicht länger streitig machen.

Leibarzt am Katzentisch

Er hatte seine Finger am Puls der Macht, hörte das Herz im Entscheidungszentrum der westlichen Welt schlagen – doch sonderlich aufregend, so gestand jetzt Daniel A. Rush, sei seine Arbeit als Leibarzt von Ronald Reagan nicht gewesen. Der Mann in Weiß im Weißen Haus schob von 1981 bis 1985 in aller Regel nur „langweiligen, medizinisch reizlosen“ Bereitschaftsdienst. Der 63jährige Gehirnchirurg mußte bei großen Festessen der Tafel fernbleiben; während Rush auf eventuelle Magenverstimmungen des Präsidenten wartete, löste er am Katzentisch im Nebenzimmer stupide Kreuzworträtsel. Daß gerade bei prominenten Patienten ärztliche Ratschläge wenig zählen, mußte der Mediziner bereits zwei Monate nach Amtsantritt erkennen: Nach dem lebensgefährlichen Attentat im März 1981 wollte Rush seinen Präsidenten „für mindestens ein bis zwei Tage“ krank schreiben, doch weigerte sich der Krisenstab damals, die Regierungsgeschäfte vorübergehend in die Hände von George Bush zu legen.