Wäre die parlamentarische Politik ein simples Nullsummenspiel, bei dem der eine gewinnt, was der andere verliert, so könnten sich die Sozialdemokraten fröhlich die Hände reiben; es wäre für eine klare Alternative längst gesorgt. Doch der Optimismus, mit dem die SPD für Bonn voraussieht, was ihr in Berlin schon zugewachsen ist – "Gegen uns kann keiner" –, wirkt vorerst noch einigermaßen aufgesetzt. Gewiß, verlieren wäre noch schlechter. Aber was hätte die SPD auf Dauer mit einer bloßen Sperrminorität gewonnen?

In West-Berlin bleibt das Risiko eines rot-grünen Experiments, falls es denn über das Verhandlungsstadium hinaus gedeiht, für die SPD überschaubar. Alle wesentlichen Gesetze werden in Bonn gemacht, sollen vom Abgeordnetenhaus ausnahmslos übernommen und können überdies zwanglos der Bonner Koalition zur Last gelegt werden. Kernkraftwerke gibt es in Berlin, anders als in Hessen, nicht. Und sofern der Koalitions-Versuch letztlich doch an der AL scheitern sollte, hätte die SPD bei vorgezogenen Neuwahlen wenigstens eine günstige Ausgangsposition, Realo-Wähler zurückzugewinnen. Wenn die CDU gegen diesen Pakt auf die Straße geht, muß sie sich stets fragen lassen, welche seriöse Alternative sie denn selbst zu bieten hatte.

In der Bundesrepublik jedoch treibt nun auch die SPD wieder einer mühseligen Strategiedebatte entgegen. Vorerst will sie demonstrieren, daß sie im Grunde mit jeder demokratischen Partei zusammen handlungsfähig ist: mit der FDP in Hamburg, mit der Union in der Rentenpolitik, mit den Alternativen in Berlin und vielleicht auch bald in Frankfurt. Je näher aber die Bundestagswahl rückt, desto stärker wird der Druck werden, endlich zu bekennen, mit wem sie eigentlich in Bonn regieren will. Der Versuch, sich dem Wähler mit drei Katzen im Sack zu präsentieren, wird ihr nicht abgenommen werden – nicht einmal in den eigenen Reihen. Eher dürften die Befürworter der sozial-liberalen Variante bei der FDP, die Anhänger einer rot-grünen Regierung bei den Grünen auf Nummer Sicher gehen – zu Lasten der SPD.

Die Ungewißheiten werden noch zunehmen, weil die SPD die Kanzlerkandidatur bis kurz vor der Sommerpause 1990 offenlassen will. Erst einmal sollen Lafontaine und Rau ihre Landtagswahlen hinter sich bringen – und dann wird es vielleicht sogar drei Anwärter geben: Vogel, Lafontaine und Rau. So kann vermeintlicher Reichtum auch zur Verlegenheit werden.

Im Grunde kommt der Verfall der konservativliberalen Koalition für die SPD zu früh. Ihre Programmdiskussion zieht sich noch bis zum Jahresende hin, die Wirtschaftspolitik bleibt im Ungefähren. Die außenpolitische Positionsbestimmung ist noch nicht abgeschlossen – ganz abgesehen davon, ob sie zu Genscher oder zu den Grünen passen soll. Schließlich ist das personelle Tableau so wenig zu erkennen wie der Kanzlerkandidat.

Halbzeitdepressionen in Bonn, Übergangsstimmung allerorten: Wo die Not am größten, wächst das Rettende auch, dichtete Hölderlin. Doch wo genau, das ist noch nicht zu erkennen.