Wir standen auf dem berühmten Heiligtum des Apollo an der Südküste Zyperns, als wir die Berge zum erstenmal sahen. Kurz vor Sonnenuntergang gaben die Wolken den Blick frei: Am Horizont ragten die schneebedeckten Gipfel des Troodos-Gebirges hervor, ein paar weiße Kuppen rund um den höchsten Berg der Insel, den Olymp (1951 Meter). Das war es also aus der Ferne betrachtet, das kleine „Winter-Wunderland“, wie die Einheimischen es stolz nennen, das Skigebiet mitten im griechischen Teil der Sonneninsel Zypern.

Wintersport am Mittelmeer, und noch dazu in diesem schneearmen Winter? Glauben konnten wir es erst, als wir nach gut einer Stunde Autofahrt hoch oben in den Bergen, noch sommerlich bekleidet, in einen Schneesturm gerieten und uns nichts sehnlicher wünschten, als so schnell wie möglich an den Strand von Limassol zurückzukehren, wo wir kurz vorher noch gebadet hatten.

Schon in den dreißiger Jahren erklommen Unermüdliche die Gipfel auf der „Insel der Aphrodite“, um dort Ski zu fahren. Vor gut zehn Jahren begannen die Zyprioten, Lifte zu bauen – Skifahren als Zeitvertreib für die auf der Insel stationierten Soldaten, als Spaß für die Einheimischen, als Hobby für die Kinder, die seitdem klassenweise wedeln lernen. Die Österreicher leisteten Entwicklungshilfe, sie schickten Lifte, Ski und Skilehrer.

Den vielen Touristen jedoch, die ein paar Dutzend Kilometer weiter in der Sonne am Strand liegen, sind die verschneiten Berge bis heute kaum bekannt. „Wir trauen uns nicht, dafür Reklame zu machen“, sagt Hercules Skyrianides von der „Cyprus Ski Federation“. Er weiß, wie sonnenhungrig die Deutschen und andere Nordeuropäer sind. „Wenn wir eine Anzeige mit Schneebildern aufgeben würden, käme doch keiner mehr. Die Leute würden denken, daß es bei uns so kalt ist wie in der Bundesrepublik.“

Das stimmt natürlich nicht. Auf der Insel ist es auch im Februar sommerlich warm, und nur hoch oben im Troodos-Gebirge kann es richtig kalt werden; das Skigebiet gilt von Dezember bis März als ziemlich schneesicher. Vier Lifte, ein paar bescheidene Hütten, ein Skiverleih, eine Skischule, die auch Kinderkurse anbietet, zwei Langlaufloipen, Buckelpisten, kleine Waldabfahrten und ein großer Hang, auf dem sogar Rennen gefahren werden – das Gebiet ist überschaubar und auf sympathische Weise unprofessionell.

„Hier fahren die Autodidakten“, sagt der österreichische Skilehrer Heinz Bogner lächelnd, wenn wieder einmal fünf britische Soldaten ineinanderkrachen, weil sie alle nicht rechtzeitig bremsen konnten. So etwas stört niemanden. „Die Zyprioten fahren im Unterricht am liebsten nur hinter mir her. Die wollen nicht, daß ich gucke oder sie korrigiere“, erzählt der Skilehrer, der von seinen deutschen und österreichischen Schülern anderes gewohnt ist.

Wenn am Lift auch kein Personal hilft, der Betrieb geht trotzdem weiter. Erklingt aus der Hütte am „North Face“ beispielsweise plötzlich Musik, dann ist das Michael, der Mann vom Lift, der gerade mal nicht für andere die Bügel herunterzieht, sondern lieber Geige spielt. Wenn er jemanden mag, lädt er ihn mit einem herzlichen „Willkommään“ in seine Hütte zum Würstchengrillen ein. Nur Überraschungsgäste hat er nicht so gerne. Denn bevor jemand herein darf, muß Michael immer erst das Bild mit dem blonden Pin-up-Girl umdrehen. Auf die weiße Rückseite hat er Rotwein gespritzt – moderne Kunst für staunende Urlauber.