Von "Camelot" zur "Mordkapitale" – wahrlich keine bewundernswerte Wandlung. Die Hauptstadt der Vereinigten Staaten, in der John F. Kennedy einst die intellektuelle Elite des Landes versammeln wollte wie weiland König Arthur die Ritter um seine Tafel und die mit Ronald Reagan zum "Hollywood am Potomac" wurde, ist in Verruf geraten. Drogen, Gewalt und ein korrupter Bürgermeister haben eine gefährliche Krise ausgelöst. Öfter als in allen anderen amerikanischen Großstädten wird in Washington, das mit seinen Museen und historischen Bauten jährlich 19 Millionen Touristen anzieht, gemordet und geschossen.

"Ist meine Sicherheit garantiert?" fragten Gäste der Inaugurationsfeiern des 41. Präsidenten im Januar, ehe sie mit ihren Pelzen und Juwelen an den Potomac reisten. Beinahe triumphierend klang die Schlagzeile der Detroit News, als mit 372 Toten in der Jahresbilanz 1988 der Mordrekord (pro Kopf der Bevölkerung), den sich bis dahin Detroit und Miami geteilt hatten, eindeutig an Washington ging. Drei Tote und zehn Verletzte allem am Valentinstag, dem 14. Februar, da die Amerikaner gemeinhin Liebesbotschaften austauschen, machten klar, daß die Gewalttaten in diesem Jahr weiter dramatisch ansteigen werden.

Aber welches Washington ist mit der Mordkapitale gemeint? Die Rede ist nicht vom großen Einzugsgebiet der Metropole, von den wohlhabenden Vororten in Maryland und Virginia. Es geht um Washington, District of Columbia, jene Enklave, die der Kongreß einst für die Bundesregierung schuf, mit der bis heute kein Präsident etwas im Sinn hat.

Washington, D.C., ist zwar eine Stadt, aber sie ist gespalten in zwei gegensätzliche Kulturen, steht daher unter enormen Spannungen. Washingtons Bevölkerung ist zu 70 Prozent schwarz, der Distrikt ist die Hauptstadt des schwarzen Amerika: mit einer schwarzen Mittelklasse, einer starken schwarzen Intelligenz, aber auch mit bedrückender Armut im sogenannten schwarzen Getto. Für Weiße sind die Stadtteile im Südosten, jenseits des Anacostia-Flusses, Niemandsland. Dort geht man nicht hin.

In neun von zehn Mordfällen in D.C. sind die Opfer wie die Täter Schwarze: junge Männer unter 30. Bei den Verbrechen geht es fast immer um Rauschgift; an 82 Plätzen wird es offen gehandelt. Es geschieht in Washington, daß Unfallstationen wegen Überfüllung schließen, daß Blutkonserven fehlen und kein Platz mehr ist für namenlose Leichen. Es geschieht in Washington, daß in einer Nacht sechs Häuser abbrennen, weil verzweifelte Anlieger dort Nester des illegalen Drogenhandels ausräuchern wollten. Es geschieht in Washington, daß Schulkinder, die nach dem Beispiel Martin Luther Kings ihren "Traum" zu Papier bringen sollen, Aussagen machen wie diese: "Mein Traum ist es, daß die Polizei die Drogenhändler von der Straße wegbekommt, damit die Kinder wieder rausgehen und spielen können." Angst verkrümmt die Seelen.

Vor einem Jahr hat Bürgermeister Marion Barry die Operation fight back angekündigt. Die Polizei hat halbautomatische Schußwaffen bekommen, aber der Zyklus von Drogen und Gewalt wurde nicht durchbrochen. Barry, ein Mann mit Charisma, aber zweifelhaftem Lebensstil, hat sich zu allem Übel selbst in die Nähe der Drogenszene gebracht und kämpft um sein politisches Überleben.

Im schwarzen Washington macht inzwischen das Wort vom "Plan" die Runde. Mit Hilfe der Banken und der Immobilienmakler wollten die weißen Washingtoner den Schwarzen einen Stadtteil nach dem anderen abjagen, wird gemunkelt. Ihr letztes Ziel sei die Wahl eines weißen Bürgermeisters.

Verzweiflung und Wut unter den Schwarzen nehmen angesichts eines neuen Rassismus rapide zu. Die hohe Verbrechensquote und die Rauschgiftsucht gehören zu den Konsequenzen einer "schwarzen" Frustration, die in der Ära Reagan in erschreckendem Maße gewachsen ist. Ulrich Schiller