Alfred Z. muß geschäftlich regelmäßig nach West-Berlin, bleibt aber immer nur drei Tage und wohnt seit 34 Jahren im selben Hotel. Vor jedem Rückflug kann er sich an seinen fünf Fingern abzählen, was ihn nächstes Mal erwartet. Jetzt hätte er doch endlich einmal nachrechnen können, wie oft da unten auf dem Kudamm schon demonstriert worden ist; er kommt jedoch gleich zur Hauptsache, und seine Hände reden mit: Als er zum ersten Mal ankam, mußte er zusehen, ob die Geschäftsfreunde noch lebten. Das Interesse an allen möglichen Überbleibseln schien allerdings ganz Berlin erfaßt zu haben; die An- und Verkaufsläden und Antiquitätengeschäfte stapelten, was sie kriegen konnten.

Adreßbücher von 1933 und früher gingen zu Höchstpreisen weg, und aus dem Westen und Osten sickerten Sammler ein, die noch ganz andere Reste aus den zwanziger Jahren sichern wollten, um vielleicht da wieder anzufangen, wo ihre Eltern gerade aufgehört hatten. In Ost-Berlin konnte Alfred Z. Überlebende aus der Zeit leibhaftig hören und sehen, in West-Berlin dagegen verdämmerten Emigranten in den Siegeruniformen ihre Dienstzeit über Demokratie-Schulung für Anfänger und Unbelehrbare oder mußten Rollen in Agenten- oder Spionage-Thrillern übernehmen.

Und wie staunte Alfred Z. erst, als aus Destillen plötzlich Kneipen wurden; wenn schon auf berlinerisch, dann doch bitte weiterhin Destillen, oder? Aber Destille klang den intellektuellen Nachwuchs-Berlinern zu proletarisch; Kneipen sind für jeden da, postulierte deren Basis.

Und Alfred Z. erinnerte sich, daß die Berliner Zirkel, Salons und Unterweltvereine längst Romankapitel füllten; die Kneipen wollten eben auch dahin. Wo wäscht eine Hand die andere so gründlich wie da.

Von Stammtischen wollten diese Neu-Berliner aber nichts wissen, die Geschichte war ja proppenvoll von dem Gerümpel. Und weil man immer schon ganz auf die Schnelle zum Berliner wurde, ging dieses Vorbild nicht in die Brüche: „Nur hereinspaziert“, hieß die Parole, „alles weitere wird sich finden, das kostet nämlich nichts und führt direkt nach oben.“ Krawalle waren ja immer an der Tagesordnung gewesen wie Mord und Totschlag, die spannendsten Szenen, nicht allein in den Krimis, spielten in Berlin.

Und dieses Gejammer heute, immer noch hinter New York herzuhinken; die angekränkelten Evergreens um Berlin und New York machen bereits wieder Kasse; die Berlin-Show läuft außerdem pompös und weltweit auf fast jeder Glotze. Und Alfred Z. sagte zum Schluß: Ob mal knallrot oder kackbraun und nun grün bis rosarot oder schwarzbraun wie die Haselnuß, Berlin hat sämtliche Flatterfarben ausprobiert, Ärger gab es nur mit den Rändern. Und dann versuchte er es auf berlinerisch mit schwäbischem Akzent: „Mein Gott Berlin, du hast dir gar nich verändert, ick sag das als Geschäftsreisender, versteht sich ...“