Eine altehrwürdige Zunft auf den bundesrepublikanischen Landstraßen und Autobahnen droht auszusterben. Nur selten sichtet man heutzutage noch einen ihrer Vertreter, der im Großraum Meppen oder anderswo in der Republik das Handwerk des Trampens betreibt, den Daumen lässig herausgestreckt, die Haare vom Fahrtwind vorbeirauschender Fahrzeuge gesträubt.

Allein steht er da, in Jeans und Parka, den Rucksack neben sich. Wenn man ihn an der nächsten Raststätte aussetzt, „Tut mir leid, aber ich muß die nächste Ausfahrt runter“, dann wird er wieder wie verloren in der Landschaft stehen, nur kurz von den Scheinwerfern angeleuchtet. Zum Zeitvertreib wird er die Inschriften seiner Leidgenossen an den Verkehrsschildern lesen: „Achtung Tramperfalle! Von hier kommst du nie weg!“ oder „Acht Stunden auf Godot gewartet“ oder „Evi und Eddi hassen Walsrode“ oder „Tod allen Spießern!“ Im kommenden Frühling und Sommer werden ein paar mehr ausschwärmen, aber es wird nicht mehr so sein wie früher.

Die Zeiten sind hart geworden für unsere Tramper. Zwei automobilgesellschaftliche Tendenzen entziehen ihnen mehr und mehr die Lebensgrundlage. Zum einen gefährdet sie das stark rückläufige Aufkommen jener klapprigen Enten, rostigen Käfer und ächzenden Kadetts im bundesdeutschen Verkehr, die von langhaarigen und bärtigen, aber stets mitleidigen Studenten gesteuert wurden. Sie hielten immer und nahmen einen mit.

Auch wenn man die Beifahrertür mit einem Bindfaden zuhalten und das Gesamtwerk Frank Zappas über sich ergehen lassen mußte, so kam man doch vom Fleck. Heute aber fährt der moderne Student einen nagelneuen Golf, der Lehrling einen aufgemotzten Opel Manta, die Hausfrau einen flotten Audi, und sie haben es alle eilig. Außerdem schadet die regennasse Tramperkleidung den neuen Sitzbezügen.

Die weit größere Bedrohung für die Tramper jedoch stellen die sogenannten „Mitfahrzentralen“ dar, die in jedem Ort aus dem Boden schießen. Der schnüffelnden Geldgier dynamischer Jungunternehmer, die in Hinterzimmern ein Telephon mit Notizblock installieren, ist es zu verdanken, daß der gewöhnliche Tramper auf der Strecke bleibt. Denn jeder aufnahmewillige Autofahrer, einst Lebensgarant der Tramperzunft, wird heute erst mal die nächste Mitfahrzentrale konsultieren, ehe er sich auf die Reise macht. Anders als der altmodische Tramper, entlohnen ihn die dort vermittelten Fahrgäste nicht mit einem dankbaren Lächeln, sondern mit barer Münze.

Etwa 25 Jahre lang haben unsere Tramper auf der Landstraße und Autobahn für Unterhaltung gesorgt. Anfangs noch als „Anhalter“ abgetan, dann als „Hitchhiker“ bewundert und schließlich als normale Tramper akzeptiert, belebten sie mit selbstgemalten Schildchen „Muß dringend nach Duisburg“ oder „Anhalten! Will nach Konstanz!“ den bundesdeutschen Überlandverkehr.

Sie hörten sich geduldig Eheprobleme und Geschäftssorgen an und offerierten im Gegenzug aufregende Geschichten aus der großen weiten Welt.