Von Theo Sommer

Wie fest sitzt Michail Gorbatschow im Sattel? Die Frage wird im Westen gestellt, seitdem der Bauernsohn aus dem Kaukasus im Kreml die Zügel in die Hand nahm. Die wenigsten Sowjetexperten schätzten seine Chancen sehr hoch ein. Doch mittlerweile ist er, allen Unkenrufen zum Trotz, vier Jahre im Amt. Die Kreml-Forscher haben die Galgenfrist, die sie ihm einräumten, Mal um Mal verlängern müssen. Ein bis drei Jahre noch, lautet die gegenwärtige Weisheit. Die Ehrlichkeit gebietet freilich den Zusatz: Wissen kann’s keiner. Die Spekulationen über das politische Schicksal Gorbatschows sind weniger belegbar als die über die Zukunft Helmut Kohls.

Wie ernst ist es Gorbatschow mit seiner Reform an Haupt und Gliedern? Mit seinem "neuen Denken" in der Außenpolitik? Mit der Rücknahme, jener imperialen Überdehnung, die Moskau in vielerlei ferne Händel verstrickte, die Völker der Sowjetunion zur Ader ließ und die kommunistische Vormacht in den Ruch eines gefährlichen Expansionismus brachte?

Vor vier Jahren hielten viele den Sinneswandel im Kreml für eine Propagandafassade, hinter der die Sowjets unverdrossen und unverfroren ihre alte Politik weiterverfolgten. Manche klammern sich noch heute an diese Vorstellungen – etwa der neue Sicherheitsberater im Weißen Haus, der hinter der russischen Abrüstungsoffensive der jüngsten Zeit nichts anders zu erkennen vermag als den Versuch, das westliche Bündnis in Schwierigkeiten zu stürzen. Die Völker, selbst die meisten Fachleute, wissen es besser: Sie spüren, daß der Kalte Krieg beendet ist oder doch sich nun beenden läßt – wenn auch der Westen es will.

Rußland braucht Reform, der Westen braucht sie nicht zu fürchten. Zu den Voraussetzungen ihres Gelingens gehört, daß es bei der neuen Offenheit bleibt, die im Zeitalter von Glasnost die sowjetische Gesellschaft kennzeichnet. Es gehört ferner dazu, daß es bei der Öffnung der Sowjetunion zur Welt bleibt, die Gorbatschow eingeleitet hat: der Hinwendung zum Konzept der "einen Welt"; dem Bekenntnis zur Interdependenz und dem Vorrang der Menschheitsfragen gegenüber der Klassenfragen. Nichts anderes hat der Westen je von den Sowjetkommunisten verlangt. Nun, da sie sich von selber darauf einlassen, muß uns nicht bange werden.

Im übrigen: Was heißt schon gelingen, was heißt scheitern? Gorbatschows Perestrojka ist ein gewaltiges Unterfangen. Es läßt sich nicht in einer einzigen Legislaturperiode erledigen, wohl nicht einmal einer ganzen Generation – und daher auch schwerlich von einem einzigen Mann. Perestrojka ist ja auch nicht der persönlichen Laune Gorbatschows entsprungen, sondern dem dringenden Bedürfnis der sowjetischen Gesellschaft nach Reform. Dieses Reformbedürfnis wird ihn auf jeden Fall überleben, selbst wenn er strauchelt oder stürzt.

Alles Reformieren ist schwer – die Architekten der Bonner Wende wissen davon ebenso ein Lied zu singen wie vor ihnen die sozial-liberalen Reformer der frühen siebziger Jahre. Es fehlt nicht an Projektionen des Scheiterns. Die Jugoslawisierung der Sowjetunion hält Milovan Djilas für eine Möglichkeit: daß Gorbatschow mit seinen Orthodoxen fertig wird, die Sowjetunion jedoch über dem Konflikt der Nationalitäten ins Chaos stürzt. Von der Rumänisierung spricht der System-Flüchtling Petre Nicolae: Wie Ceauşescu, der mit der Verdammung seines Vorgängers begann, mit Tauwetter in der Kultur und einem Umbau der Wirtschaftsmechanismen, so könne auch Gorbatschow voll liberalisierendem Elan anfangen und doch bald in Unbeweglichkeit, Personenkult und Unterdrückung enden. Eine Kissingerisierung malen viele amerikanische Kremlologen an die Wand: Gorbatschow darf sich, eingemauert im Ghetto der Außenpolitik, auf der Weltbühne tummeln; die Innenpolitik jedoch machen seine reaktionären Widersacher.