Der Wind bläst kräftig in der Voreifel. Doch frische Luft inhaliert der Besucher hier im Euskirchner Süden nicht. Ein süßsäuerlicher Geruch setzt sich in der Nase fest. Es riecht, als hätte jemand eine riesige Tüte Hundekuchen aufgemacht. „Hier stinkt’s, und zwar gewaltig“, sagt Josef Carls und deutet auf die schwarzen Fahnen vor dem Werkseingang der Tierfutterfabrik Quaker Latz GmbH. Seit 45 Jahren steht der Betriebsratsvorsitzende auf der Lohnliste des Traditionsunternehmens. Werden die Pläne der Geschäftsleitung wahr, dann verliert Josef Carls bald seinen Arbeitsplatz.

Um sich für den EG-Binnenmarkt zu rüsten, will das Unternehmen in Euskirchen bis Ende 1990 schrittweise alle 330 Arbeitsplätze in der Produktion abbauen und ins Ausland verlagern. Wenn die letzten Barrieren Ende 1992 fallen, so das Credo der Latz-Manager, dann müsse die Firma für einen härteren Wettbewerb gewappnet sein.

Das Geschäft mit Hundefutter und Katzennahrung ist rentabel. Die Quaker Latz GmbH, Branchenzweiter in der Bundesrepublik, hat in den vergangenen Jahren nicht schlecht verdient. Im Geschäftsjahr 1988, so Betriebsrat Carls, habe die deutsche Tochter des US-Konzerns Quaker Oats Company (Chicago) dreizehn Millionen Mark Gewinn erwirtschaftet. Jeder „Latzianer“ bekam eine einmalige Prämie von durchschnittlich rund 1000 Mark. Auch Latz-Geschäftsführer Ernst Meißner verhehlt nicht, daß sich „angesichts eines Umsatzes von 240 Millionen Mark zur Zeit eine ordentliche Ertragslage darstellt“.

Die Produktion läuft auf Hochtouren, und doch will die Konzernspitze das Euskirchner Werk schließen, um im holländischen Moerdijk eine neue Produktionsstätte für vierzig Millionen Dollar zu errichten. Die Belegschaft mag die Pläne nicht verstehen. „Wir haben die Gewinne erwirtschaffet, die nun in den Niederlanden investiert werden“, schimpft Arbeiter Willy Hövel. Der ungelernte Dosenablader Hövel, Vater von fünf Kindern, kämpft hier, wie er trocken feststellt, um seine letzte Chance. „Mit 47 Jahren kriege ich hier keinen Job mehr.“

Wenn der zweitgrößte Arbeitgeber im Kreis Euskirchen mit seinen Produktionsfabriken abwandert, stehen der strukturschwachen Region schwere Zeiten bevor. Die Einwohner wehren sich. Euskirchen, eine Hochburg der Christdemokraten, erlebte Ende Februar die größte Kundgebung seiner Nachkriegsgeschichte, 3000 Demonstranten protestierten gegen die geplante Stillegung des Latz-Werkes.

Der Euskirchner Stadtrat ist davon überzeugt, daß die Konzernspitze in Chicago nur an Dollars denkt. Einstimmig verfaßte das Kommunalparlament ein Schreiben an die US-Bosse am fernen Michigansee und mißbilligte scharf „die Vorstellung eines so unsozialen Verhaltens, wie es unsere Bürgerschaft in der industriellen Entwicklung dieser Stadt noch nie erlebt hat“. Latz-Geschäftsführer Ernst Meißner bringt der Empörung zwar ein „gewisses menschliches Verständnis“ entgegen, doch in der Sache bleibt der Firmenchef hart: „Der Quaker-Konzern muß seine Produktion konzentrieren. Daran führt kein Weg vorbei.“ Eine Kostenanalyse der amerikanischen Zentrale, so Meißner, komme mit bedrückender Eindeutigkeit zu dem Ergebnis, daß der Standort Euskirchen von den sieben europäischen Werken der mit Abstand teuerste sei. Außerdem erwirtschafte der Hauptkonkurrent und eindeutige Marktführer, die Effem GmbH, pro Mitarbeiter einen dreifach höheren Umsatz, und der Schweizer Konzern Nestlé stoße in den Markt.

Die Belegschaft empfindet es als blanken Zynismus, daß der Quaker-Konzern seine einschneidenden Pläne ausgerechnet im betriebsinternen „Jahr des Mitarbeiters“ aus heiterem Himmel bekanntgab. Per Fernschreiben aus den USA. Ende Oktober soll die letzte Schicht laufen.