Von Volker Hage

Eines der kurzen Prosastücke aus Thomas Bernhards Buch „Der Stimmenimitator“ gefiel Hermann Burger besonders. Es handelt von einem Komiker, der „jahrzehntelang davon gelebt hatte, komisch zu sein“, und nun vor einer bayerischen „Ausflüglergruppe“ sein letztes Kunststück vorführt. Es werde sich in die Tiefe stürzen, kündigt er an, worauf das Publikum zu lachen anhebt. „Der Komiker soll aber gesagt haben, daß es ihm ernst sei, und habe sich tatsächlich und augenblicklich in die Tiefe gestürzt.“

Die Beschreibung eines Freitods coram publica hat Burger, der in der vergangenen Woche, nur wenige Tage nach Thomas Bernhard, gestorben ist, in seinem im vergangenen Jahr erschienenen „Tractatus logico-suicidalis“, seinem Buch „Über die Selbsttötung“, besonders hervorgehoben. Bernhard, den er einmal seinen „Prosalehrer“ nannte, habe „in seinen Werken viele Selbstmorde beschrieben, aber nur einen gültigen hinterlassen“: eben diesen im Prosastück „Ernst“. Burger fragte sich, ob Bernhards Komiker nun den Rahmen der Welt gesprengt habe oder aus dem Rahmen herausgefallen sei. „Ist es eine Tragödie oder eine Komödie?“

Burgers Todes-Traktat, der viele Leser ratlos gemacht hat, liest sich nun anders, nachdem der Autor sich am 28. Februar mit Schlafmitteln das Leben genommen hat, einen Tag bevor sein neuer Roman „Brenner“ – als erster Band einer geplanten Tetralogie mit dem Titel „Brunsleben“ – offiziell erschienen ist. Zwei Tage danach sollte Burger in Frankfurt in einer großen Veranstaltung aus diesem Werk lesen.

Daß er immer wieder mit schweren Depressionen zu kämpfen hatte, war bekannt. Er hat in seinem Suizid-Buch über diese Krankheit geschrieben: „Im Gegensatz zu landläufigen Vorurteilen ist die Depression eine Todeskrankheit, man holt sich den psychosomatischen Tod, man geht ein wie eine Pflanze, zu der niemand Sorge trägt.“ Und deutlich genug setzte er an anderer Stelle hinzu: „Der weitverbreitete Irrtum, wer von Selbstmord spreche, begehe ihn nicht, rührt daher, daß wir dem Kandidaten immer das eine unterstellen: Drohung.“

Hermann Burger ist sich seiner Rolle als Schriftsteller nie sicher gewesen. Mehrfach hat er betont, daß er immer dann, wenn er gerade nicht schreibe, Schwierigkeiten damit habe, sich „als Schriftsteller zu bekennen“. In seiner Frankfurter Poetikvorlesung sagte er: „In diesem Zusammenhang bewundere ich meine Kollegen, die ohne Gewissensbisse einem Schriftstellerverband angehören können. Sie sind sich ihrer schriftstellerischen Identiät offenbar immer sicher.“

Der Schweizer Autor, am 10. Juli 1942 in Burg geboren, studierte zunächst Architektur, wechselte nach vier Semestern zum Germanistikstudium über; er promovierte (mit einer Arbeit über Paul Celan) und habilitierte sich (mit einer Studie zur Schweizer Gegenwartsliteratur). Er arbeitete als Privatdozent für deutsche Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, eine Zeitlang auch als Literaturredakteur am Aargauer Tagblatt. So hat er sich zeitlebens nie ganz auf die Schriftstellerexistenz verlassen.