Böse Mächte

Von Christel Hofmann

Salem", räsonierte ein Gast zu vorgerückter Stunde, "das ist so etwas wie der Mercedesstern." Dann hob er das Glas ein wenig höher und trank Seiner Königlichen Hoheit zu. Launig verlief die Weinprobe im Keller des Markgrafen Max von Baden, zu der er im Anschluß an ein Pressegespräch vor drei Wochen geladen hatte. Bei Kerzenschein und erlesenen Weinen schien für kurze Zeit vergessen, was seit geraumer Zeit die Runde macht: Salem steckt in der Krise.

An diesem denkwürdigen Tage indessen kippte die Krise unversehens in ein notariell beurkundetes Schisma um: Salem ist seitdem doppelt da. Salem, das deutsche Synonym für Elitebildung, wird sich künftig, wenn Seine Königliche Hoheit unwiderrufen obsiegt, in zwei Konfessionen darstellen müssen: die seit 1919 bestehende Schule Schloß Salem und die am 17. Februar 1989 ins Handelsregister zu Überlingen eingetragene Schule Salem GmbH.

Salem, die einst feinste deutsche Adresse schulischer Bildung, wird, wenn erst die neuen Schultore geöffnet sind, eine Zusatzfrage unumgänglich machen: Salem davor, oder Salem danach?

Der Markgraf sagt: "Ich bin meinem Großvater verpflichtet, der die Schule mit Kurt Hahn gegründet hat." Der letzte Reichskanzler, Prinz Max von Baden, Doktor der Staatswissenschaften, wollte in Salem Demokraten heranwachsen sehen, mündige Bürger, freilich auch solche, die zwischen Sein und Schein zu unterscheiden vermögen. Einer der ersten Salemschüler war sein Sohn Berthold, Vater des jetzigen Markgrafen. Bevor Markgraf Berthold 1963 starb, änderte er die Satzung des Trägervereins der Salemer Schloßschule: Im neunköpfigen Gremium hat sein Sohn, obwohl Hausherr der Schule, weiter nichts als eine einzige Stimme. Recht einsam erhebt er diese Stimme, wenn ihm Sein und Schein im Schultrakt des Schlosses durcheinander zu geraten scheinen. Kann es angehen, daß zwei Lehrerinnen unverehelicht schwanger werden? Er fordert ihre Entlassung. Niemand hört auf ihn. Er zeigt sich verbittert, zumal noch zwei weitere Entlassungsbegehren vom Gremium der Entscheidungsträger überstimmt werden.

Markgraf Max verläßt den Trägerverein und kündigt auch gleich den Mietvertrag der Schloßschule auf. Die in Salem untergebrachte Mittelstufe der Schule wird damit, wenn nicht heute oder morgen, so doch mit Sicherheit 1999 heimatlos. Und heute oder morgen, mit Sicherheit aber 1999, so plant Seine Königliche Hoheit, wird eben dieses Schloß die neu gegründete Schule Salem GmbH, beherbergen. Der Hausherr, einziger Gesellschafter der frisch gegründeten Schule Salem GmbH, wird dann, zusammen mit seinem Geschäftsführer, der zugleich Geschäftsführer der Markgräflich Badischen Industrieverwaltung ist, das pädagogische Sagen haben.

Wer wird die neuen Lehrer für die neue Schule aussuchen – der Hausherr selber? Der Markgraf nickt: "Deswegen heißt es ja Schule Salem GmbH. Und wer nachher der Direktor ist, der hat es ja in der Hand, die Köpfe auszusuchen. Und wenn ich das wäre, dann hätte ich es in der Hand, sie auszusuchen."

Böse Mächte

"Und wie wird man da fündig?" Max von Baden wird eine Annonce aufgeben. Eine Fülle von Zuschriften erhielt er bereits, "als der Krach losging". Da schreiben Lehrer: Wenn Sie mich brauchen, bin ich da. Einer schickte seinen Lebenslauf, in welchen Schulen er schon gewesen ist, und daß er in Afrika eine Missionsschule aufgebaut hat. Er würde sich freuen, schließt der Kandidat seine Bewerbung, auf Schloß Salem unter Seiner Königlichen Hoheit arbeiten zu dürfen.

Und welche Qualitäten sollten die neuen Lehrer haben? "Wenn ich von der Persönlichkeit ausgehe, dann sollten die Lehrer Vorbild sein durch ihre Persönlichkeit, durch Studium und Erfahrung. Eine Persönlichkeit ist jemand, der von sich aus jemand ist." Wie ermittelt man den Grad der Lehrerpersönlichkeit? "Im Einstellungsgespräch höre ich, wer überhaupt gewillt ist, so etwas zu probieren. Und dann kommt noch die Probezeit dazu." Und weiter: "Es ist ja eine handwerkliche Arbeit, die wir von den Herrschaften erwarten, und nicht ex cathedra. Die müssen mit den Kindern umgehen können. 24 Stunden und noch die Nacht und die Wochenenden." Seine eigenen Kinder gingen auch in die Schloßschule, zeitweise wenigstens.

Seine Königliche Hoheit erinnert sich: "Sie wurden sehr früh Zimmerführer. Nach einiger Zeit sagten sie, wozu die Verantwortung, wenn andere auch keine Verantwortung haben wollen? Dann haben sie ihre Ämter einfach hingeschmissen."

Auf die vorsichtige Frage nach der Pubertät erinnert sich Max von Baden auch noch daran: "Das Wort Pubertät gab es zu meiner Zeit noch gar nicht. Wir bekamen in jedem Semester ein anderes Amt. Wir haben nicht rebelliert, wir haben die Lehrer nicht umgebracht, keine Scheiben eingeschlagen. Wir haben unseren Sport gemacht und riesige Geländespiele. Die Freiheiten von heute gab es damals nicht.

Bei meinen Kindern wurden schon Ämter gewählt, die wurden bei uns früher von der Zeitung verteilt. Meine Kinder mußten sich kümmern, daß sie gewählt wurden. Es wurde Demokratie zu einem Zeitpunkt geübt, wo die Kinder noch gar kein Demokratieverständnis kennen. Das heißt, die Kinder, die sich Mühe geben, werden immer gewählt. Und die anderen hocken als Passagiere mit drauf. Und da sagen die Elfjährigen, warum denn? Und dann lassen sie sich nicht mehr aufstellen."

Seine Königliche Hoheit ist recht verärgert. Seine Kinder haben längst die Schule gewechselt. Er sagt: "Früher gab es bessere Kontrollen. Da standen noch die Namen in den Schulanzügen. Da konnte man erkennen, wer zu Unrecht einen fremden Anzug trägt. Dafür gab es Laufstrafen. Hahn hat sehr darauf geachtet, daß Mein und Dein nicht vermischt werden. Und auf einen sauberen Anzug zu achten, das gehört auch zum Leben und zur Ordnung. Das ist doch überall so."

Wird es in der neuen Schule Schulanzüge geben, da sie doch offenbar eine wichtige pädagogische Funktion zu haben scheinen? "Der Schulanzug hatte zwei Funktionen. Die Freistellen-Kinder sollten nicht auffallen. Die andere Funktion war, daß man den Schulanzug erst nach sechs Wochen Probezeit bekam. Und wer sich nicht korrekt benahm, lief auf einmal in Zivil rum, zur Strafe." Für die neue Schule brauche er nur nach England zu fahren. Dort gibt es diese Anzüge, die er meint, wenn auch dort die Charakterbildung, die er für die neue Schule anstrebt, nicht so ausgeprägt ist, wie er es für seine neue Schule wünscht.

Böse Mächte

"Wenn ich hier sage: Schulanzug, dann sagen die Leute dazu: Schuluniform. In den romanischen Ländern oder in Rio ist das anders, keiner sieht dann, wo die Kinder herkommen. Hier heißt das gleich: schwarze Hose, braunes Hemd, Schulterriemen, richtige Hitlerjungen. Diese Lehrer hier glauben, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen, und dabei haben sie noch nicht mal in die Hosen gemacht, als es Hitlerjungen gab. Das ist hirnverbrannt."

Wer Schuluniform trägt, erklärt Max von Baden, ist nicht nur gleich unter Gleichen, man kann ihn auch erkennen, wenn er ein Fahrrad stiehlt. Solche Vorkommnisse sind in der jetzigen Schule Schloß Salem gang und gäbe, sagt er.

Daß der Schulleiter nicht der richtige sein würde, fühlten er und sein Bruder sofort und votierten gegen ihn. Das ist mittlerweile 15 Jahre her. Die Gefühle hätten sich bestätigt. Ob er das näher erklären kann? "Nicht von der Ausbildung", sagt er, "sondern von der Persönlichkeit her. Irgendwie intellektuell. Man fühlt manchmal: die Person kann es, oder die Person kann es nicht. Was wollen Sie denn mit jemandem, der von Professor Grimms kommt? Der war doch führend, damals. Dann ist er bei Professor Hentig gewesen. Assistent sogar!" Ich frage, ob Hentig eine schlechte Adresse sei. "Jetzt", sagt er, "jetzt, aber damals noch nicht. Da war sie noch nicht so in den Dreck gelaufen, die Schule."

Ich stutze. Max von Baden sagt: "Er war ja auch auf der Odenwaldschule. Wir waren ja bankrott, einfach bankrott zu dem Zeitpunkt. Und da sucht man jemand, einen modernen Herrn, der in all den Sachen drinsteckt. Und der unterhält sich dann mit Hahn, und Hahn sagt, er ist zufrieden und erklärt uns, daß alles so weitergeht, wie Hahn es sich wünscht. Und dann läuft die Sache wieder in den Sand, da bin ich etwas erschüttert." Man sieht dem Markgrafen die Erschütterung an.

Fürchtet sich Königliche Hoheit nicht, den Rückwärtsgang einzulegen und in die zwanziger Jahre zu steuern? "Nein, jetzt gibt es nur noch den Kampf zwischen dem Trägerverein und dem Markgrafen. Den Kampf zwischen zwei bösen Mächten, wenn Sie so wollen."

Ich bin verwirrt, doch der Markgraf hilft mir weiter: "Die eine böse Macht bin natürlich ich."