ARD, 1. März und J. März: "Tam Tam oder Wohin die Reise geht"

Wenn psychologisches Kammerspiel, Reisebericht und Krimi in einem Film zusammenkommen, können sie einander stützen und bebildern, aber auch die jeweiligen Blößen decken. Ehe der Zuschauer merkt, daß das Kammerspiel doch nicht richtig psychologisch ist, lenkt ihn der Reisebericht ab, welcher seine Schwächen durch den Krimi bemänteln läßt, dessen Konstruktionsfehler wiederum das Psychospiel deckt. Eine solche Lochstopferei mit Löchern führte "Tam Tam oder Wohin die Reise geht" vor, ein Zweiteiler des NDR von Berengar Pfahl, in dem eine kaputte Familie, eine vorgetäuschte Entführung, Drogenhandel und Schwarzafrika die Fernsehgemeinde abwechselnd narrten.

Es begann realistisch in Düsseldorf. Tanzlehrerin Rena (Judy Winter) empfängt telephonischen Hilferuf ihres in Afrika tätigen Sohnes Rolf, sorgt sich und sucht ihren Ex-Mann auf, der reich und Rolfs Vater ist. Diese Familie scheint nie recht intakt gewesen zu sein, doch eh man gewahrt, daß einem solcherlei schicke Miseren längst zum Halse raushängen, wird es exotisch, denn Rena fliegt in den Senegal. Dort trifft sie auf geheimnisvolle Menschen und ein ungewohntes Klima.

Bevor aber das Afrika-Klischee sich breitmacht, schießt der Krimi quer: Rolf wurde entführt, Vater soll zahlen, eine schöne Deutsche namens Nele (Hannelore Elsner) weiß mehr. Gerade will die Verwicklung sich vorschnell lösen, da springt das psychologische Kammerspiel ein: Rena und Nele, Mutter und Geliebte des gefährdeten Rolf kommen einander näher. Sie sind gleich alt, aber sonst ganz verschieden, und beim Dinner tauschen sie Blicke. Daß in dieser aparten Frauenkiste letztlich viel mehr nicht drinsteckt, davon lenkt jetzt die action ab. Vater stößt zu den Seinen. Im Fön versteckt er das Lösegeld, um das zwei Gangster ihn auch stracks erleichtern. Ja, es sind Rolfs Kumpane, das Spiel war abgekartet, bloß ... doch den Krimi verdrängt jetzt der Reisebericht, denn die Schwarzen tanzen. Und schon übernimmt das Psychodrama: Vater ist zu Renas Entsetzen von des Sohnes Coup beeindruckt. Besser kriminelle Energie als gar keine! Indessen: Rolf wollte das Geld für gute Zwecke, die Kumpane aber für den Drogendeal. Doch jetzt ist wieder Reisezeit, und alle fahr’n nach Düsseldorf.

Dort entfällt der Reiz der Ferne und gibt dem Stafettenlauf von Räuberpistole und Familiendrama Raum. Nele landet erstmal im Gefängnis, zieht aber dann zu Rena und erbt einen Batzen Geld. Die aparte Frauenkiste will grade wieder Schwung holen, als Rolf krimimäßig umkommt und alle nun zu traurig sind, um noch lange weiterzumachen. Vater und Mutter gehen stumm ihrer Wege. Nur Nele rafft sich auf, nimmt Rache und die nächste Maschine nach Afrika.

Erbarmen! Werden solche Drehbücher während des Filmens geschrieben, die nächste Episode vom Team abends beim Wein ausgeheckt? Glaubt man vielleicht, daß die Musik, ein hohles Busch-Geseufze von peinigender Monotonie, ja, sowas, wo die Nadel in der Rille steckengeblieben ist, das Ganze abzubinden vermocht hätte? Selbst die leading ladies‚ zu Besserem geboren, sahen nur noch verwundert aus. Diese Reise ging geradewegs in ein Genre-Babel, wo der Film auf der Jagd nach beliebigen Effekten Halt, Sinn und Verstand verlor.

Barbara Sichtermann