Die beiden sind Geschwister, nicht nur, weil sie sich reimen: die Not und der Tod. Nicht jede Not führt zum Tod. Doch der Tod ist das Ende aller Not. Wir sind beim Thema „Druckerstreik“ – und wissen zur Stunde noch nicht, ob dieses wahrhaft letzte Wort zur Sache auch erscheinen wird. Lieber Not als tot!

Dem in Hamburg erscheinenden, wackeren Hamburger Abendblatt ist am vergangenen Wochenende die wohl tiefsinnigste „Notausgabe“ dieser Streiktage gelungen. Sechs Seiten Nachrichten, Berichte, Meinungen. Dazu zwei Seiten Inserate. Kein Wohnungsmarkt, kein Automarkt, kein Flohmarkt. Nichts von all dem, was das Leben einer Weltstadt in Gang hält. Sondern zwei Seiten Tod.

Einige Leser sind schockiert. Einige andere fühlen sich betrogen: ein Viertel des geliebten bunten Wochenblattes in den schwarzen Händen des Todes! Doch alle Verständigen werden den Entschluß ihrer Zeitung loben. Denn erstens erinnert uns die düstere Doppelseite daran, daß alle auf dieser Welt mal streiken dürfen (auch z.B. der Winter oder der Verstand), nur einer nie und nimmermehr: Freund Hein. Und drittens sind Todesanzeigen eine viel bessere, beliebtere Lektüre, als man glaubt.

Natürlich gibt es auch hier die Nieleser – die furchtsam die schwarzen Seiten überblättern. Doch viel größer ist die Zahl der Immerleser – die in einem sonderbaren Gefühlsgemisch aus Schrecken, Rührung und gerührtem Amüsement nachlesen, was unsere lieben Lebenden unseren lieben Toten auf Zeitungspapier ins Jenseits nachrufen, ob „in Dankbarkeit“, ob „in unsagbarem Schmerz“.

Wie bei Begräbnissen, so kann auch bei Todesanzeigen nicht weit vom würgenden Schmerz ein gräßliches Gelächter losgehen. Ein Gelächter nicht über den Toten, sondern über die lächerliche Eitelkeit der Überlebenden, die meinen, den Verstorbenen mit all seinen Titeln, Ehrungen, Orden öffentlich antreten lassen zu müssen. Oder ein Gekicher darüber, daß alles sterblich ist, nur nicht die Phrase.

Man lacht nicht über den Tod. Doch manchmal kann man gar nichts Besseres tun. Wie schon Rückert selig reimte: „Wer ist mächtiger als der Tod? / Wer da kann lachen, wenn er droht.“

In der Stunde der Not also kann die Zeitung auf beinahe alles verzichten. Nur nicht auf den Totenacker. Mag der Leitartikel ätzen, das Feuilleton schwätzen – hier ist immer ein Stück Leben! Finis