Von Volker Hage

DIE ZEIT: Die Morddrohung gegen Salman Rushdie und die Gefängnisstrafe gegen Václav Havel – was passiert da mit der Literatur?

GÜNTER GRASS: Diese wiederholte Haftstrafe gegen Havel ist ein Rückgriff auf den Stalinismus, der in den meisten Ostblockstaaten überwunden scheint. Die Behandlung von Schriftstellern, wie sie bei Stalin üblich war, und das, was gegenwärtig Rushdie angetan wird, ist ähnlich. Die Mentalität dieser Anmaßung: das Wissen, die Wahrheit im Besitz zu haben und deshalb Urteile über Menschen verhängen zu dürfen, ist vergleichbar und geht durch die Geschichte der Menschheit.

Handelt es sich in beiden Fällen um das letzte Aufgebot maroder Regierungen?

GRASS: Was die Tschechoslowakei betrifft, ganz gewiß. Ich glaube, das ist eine vor Dummheit strotzende Verzweiflungstat, und es überrascht mich, daß in jenem anderen Ostblockland, das ebenfalls versucht, die Entwicklung aufzuhalten, daß in der DDR Intellektuelle und Schriftsteller gegen die Verhaftung Havels protestiert haben. Diese Resolution des PEN-Clubs der DDR ist eine Sensation. Damit hat niemand gerechnet. Und ebenfalls ein wunderbares Zeichen von Solidarität ist es, wenn in Warschau zwei Einakter von Václav Havel aufgeführt werden und Rakowski, der weiß Gott kein glühender Neuerer ist, eher ein Feuerwehrmann der polnischen Situation, in die Vorstellung geht. Ich wünschte mir ein deutsches Theater, das Havels Verhaftung zum Anlaß nähme, Stücke von ihm aufzuführen. Er ist ja ein großartiger Autor. Ich habe ihn 1966/67 kennengelernt, einen kleinen, gesetzten, böhmisch-lebenslustig-melancholischen Mann, ein Schriftsteller, nicht ein Literat des Literaturbetriebs, der sich damals vom Prager Frühling Änderungen erhoffte. Seit 1968 haben Havel und Vaculik und viele andere ihre oppositionelle Haltung bewiesen, ohne Winkelzüge, ohne, wie man sich das im Westen erlaubt, einer Mode nachzulaufen. Davor habe ich jeden Respekt. Das ist eine stille, zähe, beharrliche, vernehmliche Stimme, die mit Staatsgewalt nicht zu unterdrücken war, bis jetzt nicht. Es ist sicher, daß Havel diese neun Monate Haft überstehen wird. Aber ich glaube nicht, daß das Regierungssystem der Tschechoslowakei Havel überstehen wird.

Sie sagten, die eigentliche Überraschung sei die Resolution des Ostdeutschen PEN. Sie ist aber von der Nachrichtenagentur ADN nicht verbreitet worden.

GRASS: Das ist leider so. Aber ich weiß nicht, ob unsere Medien in der Lage sind, solche Nachrichten überhaupt noch aufzugreifen. Sie sind derartig verspielt und zerstreut und ohne wirklichen Begriff der Veränderungen, die stattfinden, daß solche wichtigen Dinge ohne Hintergrundinformation plötzlich in der Zeitung stehen. Das gilt auch für Rushdie. Über diesen Autor wird seit Wochen gesprochen, aber kaum jemand macht sich die Mühe, ihn als Autor wahrzunehmen. Der Mann hat ja immerhin zwei Romane geschrieben, die in ihrer Phantastik und Provokation mit dem neuen Buch zu vergleichen sind. Er ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Er ist ein Herausforderer. Ich fühle mich ihm nah, weil auch ich mich in der Tradition der europäischen Aufklärung sehe. Jenseits aller Postmoderne und allem Gespiele, das bei uns Mode ist, kämpft Rushdie gegen das immer nachwachsende Mittelalter und gegen die Folgen des Mittelalters in seiner Kultur. Diese Folgen gibt es ja auch bei uns noch. Es ist ja nicht so, daß es mit der Aufklärung ein für allemal getan wäre.