In der Nacht des 19. März 1848 floh er aus der Stadt. Sein Bruder, König Friedrich Wilhelm IV., hatte eingelenkt, das Volk von Berlin eine Bataille gewonnen. Laut rief es nun nach der Auslieferung des „Kartätschenprinzen“, des Prinzen Wilhelm, der die Soldaten gegen die Demokraten gehetzt hatte. Aber der war da schon über alle Berge.

Ein paar Monate später kehrte er zurück, führte 1849 die preußischen Truppen gegen die Freiheitskämpfer in Baden und in der Pfalz, wurde im gleichen Jahr noch preußischer Statthalter der rheinischen Provinz in Koblenz, 1861 (nach dem Tod seines Bruders) König von Preußen und genau zehn Jahre später in Versailles zum ersten deutschen Kaiser ausgerufen: Wilhelm I. Aber Zeit seines Lebens, seiner exorbitanten Karriere, verließ ihn, so heißt es, nie die Angst – die Angst vor der Vergeltung für ’48.

Mehrere Attentate überlebte er, und es gelang ihm, im Bett zu sterben, 1888 in Berlin. Und doch holte ihn die Geschichte noch einmal ein: im Frühjahr 1945. Da kartätschten amerikanische Soldaten – Nachfahren vielleicht jener, die damals, ein Jahrhundert zuvor, als deutsche Demokraten in die Vereinigten Staaten emigrieren mußten – kartätschten ihn, den Kaiser, das heißt sein überlebensgroßes Reiterbildnis, vom Sockel, in Koblenz am „Deutschen Eck“. Seither steht das Podest dort leer, und nur eine Fahne, schwarz-rot-gold (die Farben, auf die er 1849 hatte schießen lassen), weht munter auf dem öden Quader über der Moselmündung.

Aber das soll nicht so bleiben. Der Koblenzer Verleger Werner Theisen und seine „Bürgerinitiative Deutsches Eck“ wollen, nachdem sie jahrelang vergeblich der Stadt und dem Land Rheinland-Pfalz Geld für die „Wiederherstellung“ des Denkmals aufgenötigt haben, jetzt vollendete Tatsachen schaffen. Bei einer Düsseldorfer Gießerei wurde eine Bronze-Kopie des Wilhelm-Trumms für über drei Millionen Mark in Auftrag gegeben.

Das ist als private Marotte durchaus liebenswert, und in des Verlegers Garten, zwischen des Verlegers Gartenzwergen, mag sich so ein Kaiserstandbild, abends für die Partygäste mit bunten Leuchten angestrahlt, ganz prächtig machen. Die Frage ist nur, ob Koblenz’ Bürger, ob die freien Rheinländer sich dieses postborussische Unding mitten in ihrer Stadt wirklich bieten lassen wollen.

„Wir wollen ihn nicht haben / Den Herrn Kartätschen-Prinz“, hatten sie damals gesungen, 1849, die freien Rheinländer, in ihrem „Rheinischen Lied“: „Wir wollen ihn nicht haben / Den Schild der Despotie, / Der für der Freiheit Gaben / Nie fühlte Sympathie. / Der nur die Frucht vom Fleiße / Des armen Volks genießt, / Und der als ächter Preuße / Dasselbe niederschießt.“ Ja, so hatten sie gesungen, und kühner noch: „Wir Alle wollen haben / Am freien deutschen Rhein, / Das Königthum begraben / Und selbst Regenten sein, / Nur dann erblüht für Jeden / der Freiheit wahres Glück, /Drum fort mit Majestäten! / Es lebe die Republik!“

Ja, die Republik! Wie wäre das – wie wäre es, wenn man, statt wieder Untertan zu üben, auch noch die Reste dieses trostlosen Denkmals, diesen ganzen dumpfen Steinhaufen des Chauvinismus endlich von Koblenz’ schöner Rheinpromenade räumte und an seiner Stelle, an dieser bedeutsamen Stelle, wo la Moselle und Rhein zusammenfließen, derer gedächte, die im Namen der französischen Freiheit die deutsche Republik erkämpfen wollten? Wie wäre es, wenn man dieses ganze unsägliche Monument deutschnationalen Spießer-Wahns Stein für Stein im Rhein versenkte und statt dessen hier denen eine prächtige Erinnerungsstätte errichtete, die schon damals keine Grenzen, keine Nationen mehr kannten, sondern nur freie Menschen? Ein Erinnerungsmal für die deutschen Aufklärer und Jakobiner, die rheinischen Republikaner von 1793/94, für Georg Forster und Mathias Metternich und all die anderen Freiheits-Kombattanten jener Jahre, für Rebmann und Erhard, für Bahrdt und Würzer und die vielen, deren Namen ausgelöscht wurden von den Kartätschenprinzen und –kaisern und –führern des 19. und 20. Jahrhunderts! Ja, das wäre die drei Millionen wirklich wert. Benedikt Erenz