Skandal? „Skandal!“ wetterte es; es bleibe nur, die Bücher schleunigst einzustampfen. Das Ungewitter entlud sich an prominentester Stelle: In der New York Review of Books verdammte im Sommer 1988 ein junger Textwissenschaftler der Universität Boston namens John Kidd den „neuen“ Ulysses des James Joyce.

Der neue Ulysses: das ist die kritisch bereinigte Textfassung, die der Münchner Anglist Hans Walter Gabler 1984 vorlegte: auf den linken Seiten der drei imposanten Bände ein mit Symbolen gespickter Text, der zum Nutzen der Wissenschaft Lesarten dokumentiert, rechts ein daraus gewonnener optimaler glatter Text für den Leser. Dieser Lesetext wiederum bildete die Grundlage für die einbändige Ausgabe (Ulysses: The Corrected Text), die alle Joyce-Verlage in einer gemeinsamen Aktion 1986 herausbrachten, die seitdem der einzige Ulysses im Handel ist – und die Kidd eingestampft sehen möchte.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat sich den neuen Ulysses 695 664 Mark kosten lassen. Vermutlich ist die Edition das größte Unternehmen, zu dem sich die deutsche Anglistik je aufgeschwungen hat. In der Kritik an ihr schwingt unüberhörbar leise Ungehaltenheit darüber mit, daß Deutsche sich unterstanden haben, auf einen Gipfel englischer Literatur zu klettern; Kidd nannte Gabler „Professor Diogenes Teufelsdröckh“.

Sein dreißig Seiten langer und von Häme triefender Aufsatz war die bisherige Hauptschlacht in den Auseinandersetzungen, die mittlerweile die „Joyce-Kriege“ der achtziger Jahre heißen. Es geht in ihnen um Schreibweisen und Satzzeichen; es geht um den bestmöglichen Text eines Meisterwerks; es geht um Kohle.

Joyce starb 1941, und normalerweise liefe das Copyright 1991 aus. Für einen „neuen“ Text indessen, einen, der sich von allen vorherigen Ausgaben durch substantielle Abweichungen unterscheidet, können Joyces Erben es um fünfzig Jahre verlängern lassen – keine Bagatelle bei einem Buch, von dem im englischen Sprachbereich Jahr für Jahr über hunderttausend Exemplare verkauft werden. Die Erben hatten ein pekuniäres Interesse daran, daß rechtzeitig ein hinreichend „neuer“ Ulysses da war.

Die Lesewelt wiederum verlangt einen Text ohne Druckfehler. Oder?

Dem normalen Leser im Stande der Unschuld darf es ziemlich egal sein, ob Blooms Wind „Pprrpffrrppfff“ oder „Pprrpffrrppffff“ macht. Er ist mit jeder Ausgabe bedient. Aber dann gibt es noch zwei spezielle Lesergemeinden, die Joyce-Gelehrten und die Joyceaner.

Die Joyceaner sind das eigenartige Völkchen jener Leser, die mit Joyce durchs Leben gehen, in Dublin oder Triest auf seinen oder seiner Hauptfiguren Wegen wandeln, Wissen und Ausgaben und andere Reliquien sammeln und jedes Jahr Bloomsday feiern, den Tag, da Ulysses spielt: der 16. Juni 1904, an dem der so banale wie tiefe Leopold Bloom und Joyces geniales Double Stephen Dedalus durch die Straßen und Kneipen und einen Puff von Dublin zogen. Druckfehlerärger ist für sie liebgewonnener Teil des joyceschen Lebensgefühls; sie rechnen mit ihnen und damit, daß der Kampf ewig währt und nie gewonnen wird.

Die Gelehrten und ihre nach Hunderttausenden zählenden Schüler, die sich von Berufs wegen mit Joyce befassen, oft ihre ganze Karriere auf ihn gegründet haben, stellen mittlerweile ein universitäres Großgewerbe dar, in dem es von Ranküne knistert. Daß sie ohne einen druckfehlerfreien Joyce nicht leben können, wäre auch zuviel gesagt. Wer eine Diss über den Amor-Diskurs in Ulysses vorhat, wird nicht blindlings der erstbesten Ausgabe vertrauen, sondern sich erkundigen, mit welcher Autorität der Begriff love an den entscheidenden Stellen steht, zum Beispiel durch einen Blick in Gablers dreibändige Textausgabe.

Leider aber stehen Joyces Editoren gleichzeitig vor einer letztlich unlösbaren Aufgabe. Schon ein „klarer Fall“ kann der Editionswissenschaft ja arge Kopfschmerzen machen: wenn es ein vom Autor abgesegnetes Manuskript gibt, das als Satzvorlage diente, und wenn dann zu entscheiden ist, ob eine Abweichung vom Autor oder einem Korrektor stammt; oder ob sie zwar vom Korrektor stammt, aber vom Autor gutgeheißen wurde; oder ob der Autor das, was ein Fehler zu sein scheint, beabsichtigt oder nur übersehen hat. Derlei Schwierigkeiten potenzieren sich bei Joyce und besonders beim Ulysses. Editoren bewegen sich hier in einem fast undurchdringlichen Dschungel – und müssen in Ermangelung einer maßgebenden Unterlage immer und immer wieder ihr Ermessen walten lassen.

Das übrigens müßte auch Kidd, und schon darum wäre sein überheblicher Ton selbst dann unangebracht, wenn viele seiner Beanstandungen begründet sein sollten. Daß Joyce höchstselbst an einer von mehreren Stellen einen Dubliner Irrenarzt namens Conolly Norman in Connolly Norman korrigierte, läßt kein „So und nicht anders“ zu. Vielleicht wollte er den Namen ändern, vielleicht bedeutete die Änderung sogar etwas, vielleicht aber war’s nur ein Versehen.

Sieben Jahre lang sammelte Joyce Ideen und Notizen für den Ulysses. Sieben Jahre lang, von 1914 bis 1921, schrieb er an seinen achtzehn Episoden, wuchsen sie von Entwurf zu Entwurf. 1917, als der untergründige Ruhm des entstehenden Romans schon so groß war, daß ein amerikanischer Sammler ihm 1200 Dollar für dessen Manuskript bot, begann Joyce, mit der Hand eine Reinschrift anzufertigen: das Rosenbach-Manuskript, so benannt nach der amerikanischen Stiftung, in deren Besitz es sich heute befindet. Teilweise diente es den Helfern als Vorlage, die den Text später für die Drucklegung abtippten; teilweise schrieben diese vermutlich aber, wie auch Joyce selber, von einem nicht erhaltenen Arbeitsentwurf ab. Dazu kommen zwei Teilvorabdrucke bestimmter Textstadien mit eigenen Fehlern und Korrekturen. Joyce korrigierte Fehler auf den Typoskripten; er revidierte und erweiterte den Text aber auch noch. Ja, etwa ein Drittel des ganzen Romans, 250 Buchseiten, entstanden erst auf den Typoskripten und den Korrekturfahnen, von denen Joyce bis zu fünf erhielt: 2200 Korrekturstunden wurden mit der Setzerei in Dijon abgerechnet. Dann erschien das Buch am 2. Februar 1922, zu Joyces vierzigstem Geburtstag, nur zwei Tage nach der Übermittlung der letzten Korrekturen, aber gleich wurde ihm eine Errata-Liste beigefügt, die von Auflage zu Auflage wuchs. Wie oft der Text in den folgenden Jahren und Jahrzehnten neu gesetzt wurde und welche Veränderungen in diesen Ausgaben direkt oder indirekt auf Joyce selber zurückgehen, scheint den Gelehrten nicht klar zu sein.

Von allem diesem Notieren, Schreiben, Abschreiben, Revidieren, Korrigieren hat zu wenig Papier überlebt, um die Entstehung lückenlos zu rekonstruieren, und zu viel, um sich wohl oder übel mit irgendeinem bestimmten Textstadium zufriedenzugeben. Was erhalten ist, ist zudem über Dutzende von Sammlungen verteilt – ein paar Seiten hier, die dazu gehörigen tausend Kilometer weiter.

Durch diesen Dschungel haben sich Gabler und seine Mitarbeiter Wolfhard Steppe und Claus Melchior mit Hilfe eines Computerprogramms der Universität Tübingen hindurchgeschlagen. Die Bilanz: an über 5000 Stellen berichtigte ihr Newlysses frühere Ausgaben, siebenmal pro Seite, und die Kollationslisten der dreibändigen Ausgabe verraten auch, wo. Es ist eine stolze Zahl, und trotzdem besagt sie nicht allzuviel: Zum weitaus größten Teil handelt es sich um Änderungen von Interpunktion und Schreibweisen, ohne Rückwirkung auf den Sinn.

Kidd behauptet, in dreijähriger Suche auf mehrere Tausend Fehler gestoßen zu sein; inzwischen spricht er sogar von 20 000, eine Zahl, die viermal so hoch ist wie die Zahl der Änderungen, die Gabler vorgenommen hatte, und die darauf hindeutet, daß Kidd sich mittlerweile in außerirdische Zonen der Akribie verloren hat. Herausgerückt ist er bisher nur mit ein paar Dutzend, auch sie überwiegend Fragen der Zeichensetzung. Sehe ich recht, hält er den Nulysses in drei Hauptpunkten für Schluderei: 1. Das Münchner Team habe sich einige Male schlicht verlesen. (Gabler gibt es zu.) 2. Es habe zu oft auf die Varianten früherer Manuskripte zurückgegriffen, ohne beweisen zu können, daß Joyce ihnen wirklich den Vorzug gegeben hätte. (Eine Ermessensfrage.) 3. Es habe nicht alle seine abweichenden Lesarten systematisch an den Originalmanuskripten kontrolliert, sondern nur Stichproben gemacht, wo ihm Zweifel kamen, und sich im übrigen auf Faksimiles verlassen, auf denen man die verschiedenen Tinten und Bleistifte der Korrektoren nicht unterscheiden und also auch nicht immer bestimmen könne, welche Änderung vom Autor stammt und welche von anderen Korrektoren. (Bestreitet Gabler kategorisch.)

Kidds gravierendster Fall ist der folgende. Im „Eumäus“-Kapitel, gekennzeichnet durch eine sich erschöpft auflösende Sprache, liest der hilfsbereite Bloom den angeschlagenen Dedalus auf, und als er ihn mustert, geht ihm durch den Kopf, er sehe gar nicht aus wie „der übliche Lumpentyp, nach dem sie fraglos (unquestionably) ein unbezweifelbares (indubitable) Verlangen hatten“. Gabler hat eruiert, daß Joyce in den Manuskripten nicht indubitable, sondern insatiable (unersättlich) geschrieben hatte, und dies wiederhergestellt: „... fraglos ein unersättliches Verlangen...“ Falsch, sagt Kidd. Indubitable sei zwar klar ein Typistenfehler, aber Joyce habe ihn sanktioniert, einmal indem er ihn im Typoskript nicht korrigierte, vor allem aber, weil er hier und erst hier handschriftlich das unquestionably eintrug, eine zu dem erschlaffenden Stil der Episode passende Tautologie, zu der ihn das falsche undubitable inspiriert habe.

Das ist nicht abwegig, und Gabler hat seiner Sache einen Bärendienst erwiesen, als er Kidds Einwürfe samt und sonders als „völlig grundlos und falsch gedacht“ abkanzelte, und das noch zu einer Zeit, als er andere Monita dieses schrillen, aber ganz und gar nicht dummen Kritikers bereits stillschweigend in den Lesetext übernahm.

Mittlerweile steht Kidd nicht mehr allein. Es scheint sich das allgemeine Gefühl breitgemacht zu haben, daß mit dem Gablerschen Ulysses irgendetwas nicht stimme. Vor allem kam heraus, daß in dem Gabler von der Erbengemeinschaft beigegebenen Beraterkomitee schon Anfang der achtziger Jahre Meinungsverschiedenheiten aufgetreten waren, die auch der weise Richard Ellmann, unter allen Joyce-Experten wohl der allseits angesehenste, nicht schlichten konnte. Die beiden anderen Berater (Philip Gaskell und Clive Hart) demissionierten, und nur um die Ausgabe nicht schon im voraus ins Gerede zu bringen, liehen sie ihr trotzdem ihre Namen.

Der Kern jener Querelen war eindeutig: Gaskell und Hart und offenbar auch Ellmann waren der Meinung, Gabler gebe bei seiner Rekonstruktion der idealen Satzvorlage dem Zeugnis des Rosenbach-Manuskripts zu großes Gewicht. Sie wünschten, daß er sich stärker an die Typoskripte halte, da nämlich sie den Roman so enthielten, wie Joyce ihn gedruckt sehen wollte.

Dafür gibt es ein Paradebeispiel. Gegen Ende des Romans, in der Walpurgisnacht des Bordells, sieht der betrunkene Dedalus den Geist seiner toten Mutter und spricht zu ihm: „Sag mir das Wort, Mutter, wenn du es jetzt weißt. Das Wort, das alle Männer kennen.“ Generationen von Deutern haben gerätselt, welches „das Wort“ sein mag, sozusagen Joyces letztes Wort. Im neuen Ulysses steht es. An einer anderen Stelle, weit davor, sind ein paar Zeilen eingefügt. Dort sinnt Dedalus: „Weißt du, wovon du sprichst? Liebe, ja. Wort das alle Menschen kennen. Amor vero...“ So steht es im Rosenbach-Manuskript, so steht es im Neulysses. Ellmann, der immer gehofft hatte, daß es Liebe laute, war zunächst begeistert, widerrief sich aber bald. Joyce habe die Zeilen offenbar nicht versehentlich weggelassen. Zusammen mit dem anschließenden verstümmelten Thomas-von-Aquin-Zi:at sei die Stelle Unsinn, und Joyce habe es beizeiten gemerkt und die Zeilen aus dem inneren Monolog seines Alter ego gestrichen.

Was wird nun? Der Hauptverlag des Ulysses, Random House, hat quasi ein Ehrengericht bestellt. Von seinem Votum soll es abhängen, ob der neue Ulysses aus dem Verkehr gezogen wird. Es wird Kidd gegen Gabler abzuwägen haben. Kidd hat einen dreihundertseitigen Aufsatz, der nunmehr Hunderte von Einwänden begründen soll, dieser Tage bei der Zeitschrift der Bibliographical Society of America abgeliefert. Irgendwann später wird er gedruckt. Dann soll Gabler Stellung nehmen. Und dann wird diskutiert.

Ein Außenstehender könnte meinen, die Experten sollten doch wohl imstande sein, sich untereinander und still und friedlich über den besten Standort all der fraglichen Pünktchen einig zu werden. Aber da kennte er die Menschennatur schlecht. Zuviel Blut ist in den Joyce-Kriegen schon geflossen, die Atmosphäre zu vergiftet, als daß nun einfach Vernunft einziehen könnte.

Leiser verlief ein zweiter Joyce-Krieg. Eine englische Journalistin hat endlich die Frau mit einer Biographie bedacht, die der zweiundzwanzigjährige Dichter in spe im Juni 1904 auf der Nassau-Straße in Dublin ansprach, obwohl seine Augen schon damals so schwach waren, daß er von ihr kaum mehr als ihren geraden stolzen Gang und ihr starkes kastanienbraunes Haar wahrgenommen haben kann, die sich als ein erst kürzlich aus ihrem heimatlichen Galway weggelaufenes zwanzigjähriges Zimmermädchen in einem nahen Hotel entpuppte, mit der er am 16. Juni (Bloomsday!) einen Nachtspaziergang in den Hafen unternahm, die ihm dort den Hosenschlitz aufknöpfte und ihn zum Mann machte (wie er wenige Monate später stolz an seinen Bruder schrieb), die ihm zuredete, mit ihr Irland zu verlassen, obwohl er es klarmachte, daß er sie weder heiraten noch je das Wort Liebe aussprechen werde – und die dann bis zu seinem Tod 1941 so gut wie jeden Tag an seiner Seite blieb, durch dick und dünn, von Pension zu Pension, von Ort zu Ort. Sie hieß Nora Barnacle und galt bisher als das Dummchen vom Land, das das Genie Joyce aus. dunklen Gründen zu sich emporgehoben hatte.

Brenda Maddox zeigt, wie falsch dieses Bild war. Biographien wie ihre werden anscheinend nur noch in Anglosaxonia geschrieben. Sie hält sich nicht damit auf, über die Schwierigkeiten des Biographienschreibens zu schreiben; sie deckt ihren Gegenstand nicht mit Meinungen zu, benutzt ihn nicht vornehmlich zu Demonstrationszwecken. Sie hat gründlich recherchiert und hat darum etwas zu erzählen („Nora“; Hamish Hamilton, London 1988). Nora ersteht als eine starke, praktische Frau von fast wunderbarer Unverdrossenheit, die keine Intellektuelle war und sein wollte, Joyce aber viel mehr zu bieten hatte: ein Stück lebendes Irland auf allen seinen Wegen und einen Halt, ohne den er möglicherweise nur ein verkrachtes Genie, ein versoffener Chaot geworden wäre. Er dachte und zweifelte und trank und spannte alle Welt ein und pumpte Geld und warf es zum Fenster hinaus und hatte Angst vor Seereisen und Gewittern und Hunden und fiel beim Anblick einer Ratte in Ohnmacht. Sie verankerte ihn im praktischen Leben, auf das sie sich besser verstand, fand einen ironisch neckenden Ton, mit seinen Schwächen umzugehen, und gab ihm die Liebe, ohne die er trotz seiner Abneigung gegen das Wort nicht sein konnte. Nicht nur hat ihr Briefstil Molly Blooms („die ist dicker als ich“) großen Monolog am Ende des Ulysses entscheidend bestimmt; in vielen Joyceschen Frauengestalten stecken Züge von ihr und im Ulysses so viele intime Details, daß sie den Roman nicht mochte und wohl nie ganz gelesen hat.

Das erste Jahrzehnt ihrer Quasi-Ehe (die 1931 dann doch noch legalisiert wurde) muß ein stürmisch fleischliches gewesen sein. Nora mußte sich nicht nur auf die masochistischen und koprophilen Gelüste ihres Jim einstellen (wie nur sie ihn nennen durfte – für andere blieb er stets Mr. Joyce), sie sah sich auch vor einem seelischen Dilemma: Auf der einen Seite verfolgte er jede Erinnerung an ihre Jugendlieben mit rasender Eifersucht, auf der anderen Seite versuchte er sie zum Fremdgehen zu animieren, vor allem, als er dann den Ulysses schrieb und seinem Werk zuliebe genau wissen wollte, wie einem „Hahnrei“ zumute ist.

1909 waren sie zweimal für ein paar Wochen nicht beieinander, und auf seinen dringenden Wunsch schrieben sie sich Briefe grob sexuellen Inhalts, unverblümte Onaniervorlagen: „Schreib mehr und dreckiger, Liebling“, mahnte er sein „liebes braunärschiges Fickvögelchen“, und sie muß es getan haben. Ihre obszöne Phantasie war nicht geringer als seine.

Joyces Enkel Stephen, der heute bei der OECD in Paris tätig ist, sah die Familienehre in Gefahr und mißbilligte die Veröffentlichung. Brenda Maddox verbot er, in ihrer Biographie aus diesen Briefen zu zitieren. Auf sein Geheiß mußte sie auch ein ganzes Kapitel weglassen, in dem von dem weiteren Schicksal von Noras und James’ schizophrener Tochter Lucia die Rede sein sollte. Lucias erhaltene Briefe hat Stephen verbrannt.

Gehen diese Privatsachen auch niemand etwas an? Joyces Größe bestand unter anderem darin, daß er die Verwegenheit, die Unverfrorenheit besaß, Privatestes publik zu machen, Intimitäten auszusprechen, die niemand vor ihm über die Lippen gebracht hatte. Zu seinen Lebzeiten hatte er darum größte Schwierigkeiten mit der Zensur, und einen Platz in der Sozialgeschichte hat er, weil sein Werk die Zensurpraxis änderte. Es ist eine Ironie des Schicksals, wenn sein Enkel jetzt in seinem Namen zum Zensor wird.

Noras Biographin Brenda Maddox reiste vor kurzem als Reporterin zu einer Joyce-Tagung in Miami, wo die Feinde Gabler und Kidd aufeinandertrafen. Sie schilderte das Rencontre so: „Es war gutes Theater. Gabler, 51 Jahre alt, kühl, schlank, nüchtern mit einem leichten Professorenanzug und dunklem Schlips angetan, blätterte in einem Magazin, während Kidd, ein rotbärtiges 36jähriges enfant terrible in kurzärmligem weißen Hemd, Freizeithosen, weißen Socken und roter Seidenkrawatte, die Arme wie ein Baseball-Spieler schwenkte und Antworten verlangte ...“

Anscheinend sind es nun drei Parteien: das rabiate Genie, das die Welt in die Schranken fordert; die formalistischen, fundamentalistischen Deutschen, die glauben, den idealen Text rekonstruieren zu können; und die pragmatischen Engländer, die nicht mehr wollen als die gröbsten Fehler beseitigen. Ihr Mangel an Radikalität mag nicht sehr mitreißend wirken; dafür werden sie zweifellos den Sieg davon tragen.