Immer wieder mal hatte der alte Mann vor dem Haus gesessen. Der braune Holzstuhl hatte einen geflochtenen Sitz, und weil einige der Schnüre inzwischen vom Alter zermürbt waren, hatte der Mann sich ein geblümtes Kissen darübergelegt. Der Stuhl stammte noch aus der Scheune, die fast zweihundert Jahre an dieser Stelle gestanden hatte. Eines Tages waren Leute gekommen und hatten sie abgerissen. Ein romantischer Fachwerkbau zwar, aber Bauern sind selten romantisch. Eher haben sie die Nase voll von niedrigen Decken und krummen Wänden und alten Balken. Diese Balken lagen später auf der kleinen Wiese und zeigten anklagend auf die neue Scheune: rechtwinklig und zweckmäßig, wenn auch noch nicht verputzt. Auch ein neues Scheunentor gab es noch nicht. Statt dessen parkte da der Wagen mit den drei Rädern, mit dem der Mann herumtuckerte, als er noch jünger war.

Und dort stand auch bald der Stuhl wieder mit dem geblümten Kissen. Im Sommer hatte der Mann oft dort gesessen, krumm wie die Balken des Hauses. Man konnte denken, gleich werde er vornüber fallen. Stundenlang sah er den Hühnern zu, die nickend an ihm vorbeischritten. Meist trug er dasselbe großkarierte Hemd und seine grüne Wolljacke, und es machte den Eindruck, als säße er Tag und Nacht da. Selten sah man ihn über den Hof laufen. Dann machte er sich an den Obstkisten an der Hauswand zu schaffen. Aber vor allem ruhte er sich aus. Wer sein Gesicht sah und seine Hände, wußte wovon.

Vorübergehende grüßte er kaum. Vielleicht hatte er etwas gegen die Leute aus der Stadt, die durchs Dorf liefen und einen alten Bauern inmitten seiner Hühner anstarrten. Vielleicht war er aber auch einfach nicht gesprächig. Wir hätten uns jedenfalls gewünscht, daß er ewig da sitzen würde: auf dem alten Stuhl neben dem Pflaumenbaum. Städter sind so romantisch.

Dann war der Stuhl leer. Am Nachmittag war das Martinshorn zu hören gewesen: ein Krankenwagen mit Blaulicht parkte vor dem Haus. Sehr aufgeregt waren die Hühner über den Hof geflattert. Auch das Dorf hatte hingehorcht: Diese Töne machen hier noch Gänsehaut. Wenige Tage später hörte man, daß der Mann gestorben war, „am Herzen“, wie man so sagt, und leicht.

Eine Zeitlang stand der Stuhl noch draußen. Traurig hingen die Schnüre unter dem Kissen herunter. Nun ist auch der Stuhl verschwunden. Jemand wird ihn ins Haus geholt haben. Denn nur die ganz alten Bauern hatten noch diese Angewohnheit, draußen vor der Tür zu sitzen und zuzuschauen, wie es den Hühnern geht. Ob es den Stuhl noch gibt? Ganz sicher hat er nicht seinen Platz vor dem Fernseher der jungen Leute gefunden. Denn dann würden sich die Sessel um ihn herum ja schämen müssen. Rudolf Gerhardt