Berlin, Ende März

Lange Schatten wirft die Währungsumstellung in Berlin auf die Zone, die die Stadt umgibt. In den ersten Tagen versuchten die Ost-Institutionen das Ereignis durch Totschweigen zur Bagatelle zu entwerten. Danach dementierten sie in der gleichen Reihenfolge heftig und aufgeregt die Erwartung, daß diese Maßnahme zu einer Einziehung der gegenwärtigen Ostmark zwingen würde. Sie konstatierten dazu triumphierend, daß die „freien Läden“ des Ostsektors und Potsdams nun der umlagerte Ausflugsplatz der Westberliner geworden seien. Dann entschlossen sie sich, die Westberliner Geldumstellung als das endgültige Ende der Berliner Existenz überhaupt auszurufen, und schließlich machten sie sich zum empörten Anwalt der Berliner, die durch die Umwandlung in gar keinen oder nur geringen Besitz von Westmark geraten. In Leipzig, Halle, Schwerin und Weimar erfuhren acht Tage nach der Berliner Umstellung die Bewohner, daß in Berlin eine „Vierklassenwährung“ eingeführt worden sei, die selbstverständlich das Gegenteil der „fortschrittlichen Entwicklung“ in der ostzonalen Wirtschaftsbürokratie darstelle. Offiziell wurde zwar in einem der üblichen großen Massenmeetings im Lustgarten „aktiver Widerstand gegen den Währungsputsch, Miet- und Zahlungsstreik“ proklamiert. Doch geschah dies nur, um das wirtschaftliche Minus, das jetzt die Bewohner des Ostsektors und die der gesamten Ostzone bedroht, durch ein propagandistisch-politisches Plus halbwegs auszugleichen.

Die neue Berlinwährung erscheint in der Ostversion als eine Strafwährung für diejenigen, die entweder unter der sowjetischen Besatzung leben oder sich freiwillig zum Bezug der Lebensmittel im Ostsektor Berlins entschieden haben. Für eine gewisse Gruppe der Westberliner trifft dies zu, sie werden vom 1. April an nur 10 v. H. ihrer Bezüge in Westmark erhalten: Es sind jene Funktionäre, die, in Berlins Westen tätig, Urheber and ständige Einpeitscher der sowjetischen Blockade sind und die im Gegensatz zu der großen Masse der Bevölkerung Berlins ihre Kohlen- und Ernährungssubventionen während des Winters gerade deshalb aus sowjetischer Quelle erhalten haben. Eben diese Bestimmungen lösen den erstaunlichen sowjetischen Vorwurf aus, durch die bescheidene Umwechslung von Ost- in Westgeld werde ganz Ost-Berlin böswillig geschädigt.

Die Einführung der neuen Westmark in Berlin wird eine einschneidende Wirkung auf den sowjetisch gesteuerten Geldumlauf, auf die sowjetisch gelenkte Wirtschaft, auf die sowjetisch geführte Politik der Ostzone haben. Diese Wirkungen, die nach allen Anzeichen in den nächsten Wochen äußerlich durch eine neue Ostmark-Konvertierung pariert werden sollen, werden jedoch weiterhin auf die politische Landschaft ausstrahlen.

Das wird freilich erst eintreten können, wenn die vielen vielfach nicht erwarteten Folgeerscheinungen des Geldwechsels in West-Berlin selbst behoben sein werden; denn die außerordentliche Vorsicht, mit der die Währungsverantwortlichen neues Geld in den Berliner Raum gelassen haben, stellt zunächst einmal die Berliner Wirtschaft aller Kategorien vor schwierigste Probleme. Subventionen, langfristige Kredite, wirksame Blockadehilfe, Absatzunterstützung für die Berliner Produktion, Vergrößerung des Tonnageraums bei der Luftbrücke: dies sind nur einige der Punkte, die auf dem Sorgenregister Berlins stehen, soweit es sich nach dem Westen öffnet.

Diese Öffnung ist allerdings jetzt ganz aufgerissen. So sehr, daß der Osten die Tatsache des Geldanschlusses an den Westen ungleich stärker als eine politische und wirtschaftliche Eroberung empfindet als West-Berlin selbst, das nun erst einmal wieder von vorn beginnen muß. (gekürzt) K. W.