In der Großen Freiheit Nr. 37 auf St. Pauli findet sich neben dem Tanga-Theater („Erotic Sensation“), der Monica-Bar und dem Amigas-Club, schräg gegenüber dem Grünspan und einer Kneipe namens Cool, ein merkwürdiges, fremdartiges Gebäude, für das die Bewohner der über Altonas Grenzen hinaus bekannten Straße wie auch die hier Tag und Nacht bemerklichen Passanten allerdings kaum einen zweiten Blick je übrig haben dürften. Es handelt sich um die katholische Pfarrkirche des heiligen Joseph, deren charmant kurvierte Barockfassade alle Kriege und Bausenatoren überstand und die inmitten der libidinösen Hamburger Toleranz von heute Zeugnis ablegt von der religiösen Toleranz der Stadt Altona damals, von der Kunst ihres Baumeisters, des österreichischen Architekten Melchior Tatz, der sie A.D. 1718 errichtete – und nicht zuletzt von dem segensreichen Wirken des damaligen Kaiserlichen Gesandten im Niedersächsischen Reichskreis, des Grafen Damian Hugo von Schönborn, der bei diesem-Bau wohl seine Finger mit im Spiel gehabt haben wird. Letztes kann sogar als erwiesen gelten. Aber selbst wenn es nicht als erwiesen gelten könnte, wäre es doch so gut wie nicht sehr unwahrscheinlich. Denn wo immer in jenen Jahren um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich gebaut wurde, konnte man annehmen, daß ein Schönborn irgendwie dabei war.

Das ist natürlich übertrieben. Andererseits auch wieder nicht. Denn: „Es ist keine Übertreibung“ (stellt selbst der große Georg Dehio klar): „In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, also in der eigentlichen Blütezeit des deutschen Barocks, hat die Familie Schönborn für die Baukunst mehr vollbracht als irgendein weltlicher Fürst der Zeit.“

Ja, sie waren dabei. Von Altona an der Elbe bis Meersburg am Bodensee, von Trier an der Mosel bis Wien an der Donau verzeichnen gewissenhafte Touristenführer jede Menge Schönborn-Kirchen, Schönborn-Schlösser, Schönborn-Gärten, Schönborn-Treppen, Schönborn-Möbel, Schönborn-Bilder. Kreuz und quer durchs ganze Alte Reich blühte ein Jahrhundert lang rosige Schönborn-Kunst, Französisches, Österreichisch-Böhmisches, Italienisches zu einem heiteren, leichten „deutschen Gusto“ kombinierend und verschmelzend. Doch die eigentlichen „Schönborn-Lande“, das war jenes Konglomerat erz- und fürstbischöflicher Territorien von der Mosel bis zur Regnitz, das sich als Familienband – im besonderen Sinne des Wortes – entlang der Main-Linie erstreckte und in gewisser Weise gar nach Wien reichte, an den Kaiserhof, wo es ein Familienmitglied, Karl Friedrich von Schönborn, zum Reichsvizekanzler gebracht hatte.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg aus unbedeutendem Adel aufgestiegen, war es dem machtbewußten Clan mittels subtilster Beherrschung des komplizierten Reichs- und Kirchenrechts und brutalster Bestechung gelungen, einige der wichtigsten Bischofsstühle des Heiligen Römischen Reichs zu besetzen – zum Teil über Generationen hin: auch das ein Stück Schönbornscher Kunst, das um so bestaunenswerter ist, als ja gewisse, heute noch gültige Spielregeln katholischen Würdenträgern das Erzeugen direkter Erbfolger leider versagen. Mittelpunkt der Familie war jahrzehntelang Lothar Franz von Schönborn, der 1695, vierzigjährig, seinem Onkel auf den Stuhl des Mainzer Erzbischofs nachgefolgt war und damit automatisch neben der Kurwürde auch das Amt des Reichskanzlers übernommen hatte. Von hier, von Mainz, beziehungsweise seiner Lieblingsresidenz Pommersfelden bei Bamberg aus liefen die Fäden, wurden die Karrieren der Neffen, die Ehen der Nichten geplant. Und es klappte, lange über seinen Tod 1729 hinaus, auch ganz und gar vorzüglich, bis zum Jahre 1756, als in Ehrenbreitstein Lothar Franz’ zweitjüngster Neffe Franz Georg starb – der Erzbischof von Trier und letzte Schönborn auf einem Kirchenthron. Da war der Schwung hin, der Familienelan erloschen, und die Zeit der regierenden Bischöfe, der Pröpste und Äbte, diese ganze schöne alte Welt des „stiftischen“ Deutschlands ja auch fast schon zu Ende.

Doch alles dies wäre noch nicht sonderlich der Rede und nur in Maßen einer Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg wert – wenn, ja, wenn diese erstaunliche Sippe nicht eben jener wundersame Ehrgeiz gepackt hätte, der ihren Namen glücklich bis in bürgerlich-demokratische Zeiten hinübergerettet hat. Denn was sie einte und zusammenhielt, mehr noch als die Politik, als ihre Liebe zum Kaiser (bei gleichzeitiger Abneigung gegenüber Versailles), war ein Familienleiden ganz besonderer Art: der „teufelsbauwurmb“, der „mahlereiwurmb“, der „garten- und wasserwurmb“, kurz: der Kunstwurmb. Und selbst wer das Schloß in Bruchsal kennt und das in Pommersfelden, die Bamberger Residenz und die unvergleichliche Würzburger, ist doch verblüfft über das ganze herbe Ausmaß dieses Leidens, dieser Leidenschaft, so wie es sich zur Zeit bei einem Gang durch die Schönborn-Ausstellung des Germanischen Museums erahnen läßt.

Im Mittelpunkt natürlich die Gemäldesammlung, Lothar Franz’ „galleria Pommersfeidiana“, die er innerhalb weniger Jahrzehnte auf Dresdner, auf Wiener Dimensionen auszuweiten gedachte, und die, noch heute im Besitz der Familie und zu großen Teilen in Pommersfelden zu besichtigen, der Katalog als „die umfangreichste und bedeutendste Privatsammlung alter Kunst auf deutschem Boden“ preist – ein Urteil, das allerdings wohl auch all die Porzellane und Fayencen, die unwirklich zarten Intarsien-Sekretäre, die Prunkleuchter und Kelche, die goldübertauten Handschriften der Bibliothek und die bizarren Preziosen der Kuriositätenkammer miteinbezieht. Um einige im 19. Jahrhundert „abgewanderte“ Bilder leihweise wieder ergänzt, reicht das Panorama der Galerie von Dürers Portrait des Jakob Muffel (heute in Dahlem) über Barthel Bruyn, Rubens, Roelant Savary bis Vereist und Pesne. Vor allem aber: italienisches Spätbarock, Avantgarde aus der Zeit des Lothar Franz.

Dunkle Drohung