Eine Bilanz zerschlagener Hoffnungen: Als dieses Jahrzehnt gerade begonnen hatte, im Oktober 1981, kamen die Staats- und Regierungschefs von acht Industrie- und vierzehn Entwicklungsländern im mexikanischen Seebad Cancun zum ersten Nord-Süd-Gipfel zusammen. Das pompöse Ereignis sollte eine Dekade der Zusammenarbeit, des Fortschritts und der Solidarität mit der Dritten Welt einleiten.

Nur ein Jahr später stand Mexiko, der Gastgeber von Cancun, vor dem Bankrott und drohte, dabei die gesamte Weltwirtschaft mit in den Abgrund zu ziehen. Politiker und Bank-Manager verhinderten zwar den Kollaps, die Hoffnung auf einen Durchbruch in der Entwicklungspolitik war jedoch zerstört. Die achtziger Jahre wurden zum Jahrzehnt der Schuldenkrise: der Lebensstandard in Lateinamerika verringerte sich drastisch, neue Kredite blieben aus, die innenpolitische Lage der betroffenen Länder wurde immer instabiler, Schwarzafrika verarmte weiter.

Wie dramatisch die Lage ist, dafür liefern jetzt die blutigen Unruhen in Venezuela wieder ein schlimmes Beispiel. „1989 wird es entweder zu einem veränderten Umgang mit unseren Schuldenproblemen kommen oder aber zum Ende der Demokratien in dieser Region“, sagte der venezolanische Präsident Carlos Andrés Perez.

Fast acht Jahre nach Cancun will nun Willy Brandt, der Vorsitzende der Nord-Süd-Kommission der Vereinten Nationen, ein „Cancun II“ zustandebringen. In gleichlautenden Briefen forderte Brandt am Wochenende George Bush und Michail Gorbatschow zu einer neuen Nord-Süd-Konferenz im nächsten Jahr auf.

Die Bedingungen dafür sind günstig, glaubt Brandt, der dabei unter anderem von der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, dem französischen Präsidenten François Mitterrand und dem früheren Präsidenten der Weltbank, Robert McNamara, unterstützt wird. Die Entspannung zwischen Ost und West und die Entschärfung regionaler Krisen in Afghanistan und Angola könnten die Voraussetzungen dafür schaffen, daß die Sowjetunion konstruktiv an einer neuen Konferenz teilnimmt. Nach dem Amtswechsel in Washington scheinen auch die Vereinigten Staaten wieder aufgeschlossener in Nord-Süd-Belangen zu werden; der neue Außenminister James Baker hatte 1985 immerhin den ersten ernsthaften, wenn auch letztlich gescheiterten, Plan zur Lösung der Schuldenkrise vorgelegt.

Die Konferenz soll sich, so lautet Brandts Vorschlag, auf das Thema Umweltschutz und Entwicklung konzentrieren. Ökologie und Ökonomie in der Dritten Welt – gehört auch dieser Gegensatz jetzt zu jenen bislang als unlösbar geltenden Widersprüchen, für die nun doch ein Ausweg in Sicht ist?

In den Entwicklungsländern droht eine ökologische Katastrophe globalen Ausmaßes: Giftmüll aus den Industrieländern verschwindet in ungeordneten Deponien, der tropische Regenwald fällt immer schneller Industrie und Großfarmen sowie dem Landhunger verarmter Kleinbauern zum Opfer. Umweltschutz scheitert sowohl an den Wirtschaftsinteressen der reichen als auch dem Nationalismus der armen Länder. „Der Amazonas ist kein ökologisches Reservat der Menschheit. Der Amazonas gehört uns“, sagte erst jetzt der brasilianische Außenminister Roberto de Abreu Sodre.