Von Joachim Nawrocki

West-Berlin, im März

Aus dem Glashaus des FDP-Landesparteitages in Berlin bewarf am vergangenen Samstag der Parteivorsitzende Graf Lambsdorff die Koalitionäre AL und SPD mit Worten wie "absolute Politikunfähigkeit" und "unberechenbarer Faktor". Wenige Stunden später waren die Liberalen, über deren Berechenbarkeit sich die Sozialdemokraten schon seit langem ihre eigenen Gedanken machen, nicht einmal fähig, sich einen neuen Landesvorstand zu wählen. Die einzige Kandidatin für den Vorsitz, die Berliner Frauenbeauftragte Carola von Braun, fiel glatt durch. Die übrigen FDP-Häuptlinge wollten gar nicht erst antreten.

Die Alternative Liste dagegen steht vor einem neuen Anfang. Noch vor knapp anderthalb Jahren haben prominente AL-Mitglieder erklärt, das Gerede über ein rot-grünes Bündnis sei "eine Scheindiskussion zwischen Bankrottfirmen". Die linke tageszeitung (taz) schrieb von einer "klinisch toten AL". So schlimm war es zwar nicht, aber auch einer der Sprecher des realpolitischen Flügels der AL, der Narkosearzt Bernd Köppl, konstatierte damals "mangelnde Dialogbereitschaft" in der AL und meinte, solange seine Partei nicht klar und eindeutig zur Gewaltfrage Stellung beziehen könne, sei sie kein ernstzunehmender Partner für die SPD.

Jetzt gehört Köppl, der als "Oberrealo" der siebzehnköpfigen AL-Fraktion gilt, zu den profiliertesten Befürwortern einer rot-grünen Koalition. Er ist überzeugt, daß die Vollversammlung der AL-Mitglieder am kommenden Wochenende der in nächtelangen Sitzungen ausgehandelten Koalitionsvereinbarung zustimmen wird – das Problem sei nur, mit welcher Mehrheit. "Unser Hauptanliegen war ja, diesen politischen Prozeß ohne Spaltung durchzustehen. Da wäre ein Abstimmungsergebnis von 70 zu 30 fast schon zu knapp. Das Verhandlungsergebnis ist für uns ja relativ schlecht. Wir müssen also unseren Mitgliedern sagen, mehr war im Augenblick nicht drin. Wir haben ja auch nicht nur gegen die SPD verhandelt, sondern auch gegen die Handelskammer und die Alliierten, die unsichtbar mit am Tisch saßen. Da hat man eben schlechte Karten. Mit der SPD waren wir zum Beispiel einig, die freiwillige Polizeireserve abzuschaffen. Aber ein kleiner Hinweis der Alliierten hat anscheinend gereicht, das wieder umzustoßen."

Bernd Köppl, Gründungsmitglied der AL, 40 Jahre alt, war Starkstromelektriker, hat Politologie und dann Medizin studiert, sich mit Arbeitsmedizin befaßt. Von 1983 bis 1985 schon einmal Abgeordneter, war er zuletzt in der Anästhesie des Urbankrankenhauses tätig, das ihn jetzt beurlaubt hat. Während der Koalitionsverhandlungen machte er mit Vorschlägen zur Änderung der Berlinförderung von sich reden, die bei der Wirtschaft einige Verstörung verursachten und die Köppl dann auch zurückzog. Aber er bleibt dabei, daß bei der Kontrolle der Umweltverschmutzung, wo es unzählige Ausnahmegenehmigungen gebe, "erst einmal rechtsstaatliche Verhältnisse durchzusetzen sind". Der Industriestandort Berlin werde auf Dauer "nur zu verteidigen sein, wenn wir ihn ökologisch so sanieren, daß es sich weiter lohnt, hier industrielle Produkte herzustellen". Kein Facharbeiter komme in eine versmogte Stadt.

Dem CDU-Generalsekretär Landowsky hat Köppl jetzt gerichtlich die Behauptung untersagen lassen, er sei ehemaliges Mitglied der KPD. "Die einzige K-Gruppe, der ich je angehörte, war der Katholische Jugendverband. Ich habe sogar meinen Jugendpfarrer aus Dillenburg in Hessen als Referenz genannt." Bei Zuwiderhandlung droht Landowsky jetzt ein Ordnungsgeld von 500 000 Mark oder eine Haftstrafe. Aber, erklärte Köppl, die AL halte dennoch nichts von Haftstrafen als Resozialisierungsmittel.