Von Andreas Janßen

Der erste Augenschein stößt eher ab. An der Straße vom Flughafen zur Hotelzone reiht sich zu beiden Seiten Baustelle an Baustelle. Wie mag es da erst in Cancun aussehen, ein halbes Jahr nach dem Wirbelsturm? In der Ferne taucht die „Zona Hotelera“ auf, angestrahlt von der Sonne. Kaum haben wir die Brücke zur Insel überquert, merken wir, daß noch nicht alles wieder repariert, wieder aufgebaut ist, so wie ein Einheimischer uns beruhigt hatte: Der Kuculcan-Boulevard wird gesäumt von abgedeckten Häusern und geknickten oder zerzausten Palmen.

Vor 18 Jahren hat die mexikanische Behörde zur Förderung des Tourismus (Fonatur) die vorteilhafte Lage Cancuns entdeckt. Bis dahin lag an der äußersten Nordwestspitze der großen Halbinsel Yucatan nur ein winziges Fischerdorf, umgeben von dichtem Dschungel, der bis an den Strand reichte. Cancun – das war eine 20 Kilometer lange und 500 Meter breite palmenbestandene Sandbank in der Form eines L. 1974 wurden die ersten beiden Hotels hochgezogen; die Sandbank wurde aufgeschüttet und verbreitert; zwei Brücken verbinden die Insel mit dem Festland. Die eigentliche Stadt Cancun entstand an der nördlichen Brücke, gedacht als Versorgungszentrum und als Wohngebiet für das Hotelpersonal. Im Oktober 1981 traf sich in Cancun die Nord-Süd-Konferenz. Das Bild der 23 Staats- und Regierungschefs ging um die Welt. Heute stehen hier mehr als 50 Hotels, in denen sich pro Jahr – so die amtlichen Zahlen – eine Million Touristen niederläßt.

Vor sechs Monaten schlug die Natur zurück, als wollte sie sich für den Eingriff in die unberührte Landschaft rächen: Gilbert, der gewaltigste tropische Wirbelsturm seit Menschengedenken, bahnte sich ohne Erbarmen seinen Weg mitten durch die „Zona Hotelera“.

Unsere erste angenehme Überraschung erleben wir auf der Suche nach einem Zimmer. Die Hoteliers überbieten sich in descuentos – Preisnachlässen bis zu 50 Prozent. Als wir ans kristallklare, türkisgrüne Meer kommen, wissen wir, warum. Der breite weiße Bilderbuchstrand mit seinen schattenspendenden Palmen – es gibt ihn nicht mehr. Er ist einfach weg. Fortgerissen von der gewaltigen Flutwelle des Hurrikans. Vor dem „Soberanis“ verläuft die Wasserlinie direkt an der Hotelwand. Nebenan dreht sich ein Betonmischer. Arbeiter bauen fieberhaft eine Mauer, damit das Hotel nicht noch mehr Schaden nimmt. „Die Natur wird’s schon wieder richten“, tröstet der Hotelier, „das Meer wird den geraubten Sand wieder anspülen, und der Wasserspiegel wird sich senken.“ Er strahlt uns an: „In einem Jahr blühen die Palmen wieder in alter Pracht!“

Der Spaziergang am Strand – auf dem wenigen, was noch von ihm übriggeblieben ist – wird zum Spießrutenlauf zwischen Trümmern, Bauzäunen, Treibholz und Algenbüscheln. Hier und da liegen noch Sandsäcke herum, die vom hoffnungslosen Kampf gegen die Naturgewalten zeugen. Hin und wieder stößt man auf die Überreste von Swimmingpools, die unmittelbar am Strand ihren Platz hatten.

Überall regen sich fleißige Hände, um die Hotels wieder herzurichten. Es ist nicht immer zu unterscheiden, ob ein Hotel gerade neu gebaut oder bloß repariert wird. Zementgeruch liegt über dem Strand. „Wir sind jetzt in der zweiten Bauphase“, erzählt man uns nicht ohne Stolz; Bis Ende 1988 hatten sich die Hotelzimmer in Cancun von 10 000 auf 20 000 verdoppeln sollen. Gilbert machte einen Strich durch die Rechnung. So oder so – Cancun ist eine einzige Baustelle.