Von Peter Hays

Von weitem sah er aus wie ein vom Sturm gebeugter Wegweiser. Ein einsamer mutiger Anhalter, mitten im schneebedeckten Hochmoor streckte er mir seinen Daumen entgegen. Ich hielt, und er warf seine Campingsachen auf den Rücksitz. Er entdeckte den Schlitz unterm Autoradio und fischte ein Tonband aus der Tasche. Ob er eine Weile Pink Floyd hören dürfe, möglichst „volle Pulle“. Die letzte Nacht im Zelt sei verdammt kalt gewesen, und er erklärte mir, daß er sich im Winter regelmäßig „einen halben Tag Zivilisation“ gönne. Gleich in der nächsten Ortschaft eine heiße Tasse Tee zum Beispiel, „mal zur Abwechslung nicht mit Schneewasser gekocht“.

Mike, wie er sich mir vorgestellt hatte, arbeitete noch vor gut sechs Jahren als Koch an Bord der SS „Canberra“. Nachdem sich aber herumgesprochen hatte, der Passagierdampfer müsse mit in die Seeschlacht um die Falkland-Inseln, musterte er rechtzeitig ab. Ohne Job oder feste Bleibe sei ihm nicht viel anderes übrig geblieben als ein Dasein als drifter, sprich Tippelbruder. „Aber wenn schon, dann nicht irgendwo elend in der Stadt, sondern hier in den Highlands. Hier hab’ ich mal in besseren Zeiten schöne Ferien verbracht.“

Abgesehen von gelegentlichen Abstechern zum Sozialamt, erlebt Mike nun das schottische Hochland täglich von einer Seite, die ich nur häppchenweise kennengelernt habe. Windgefegte Wandertage mit nur spärlichen Lebenszeichen: Schafwollfetzen im Ginster; ab und an die sanfte Landung eines Raubvogels auf einer nahen Felsrippe; und im Abstand vieler Meilen die Schläge einer Kirchturmuhr. Dazu einsame Nächte, in denen der Mond mit seinem Licht bleiche Pfade über die kahlen Bergrücken zeichnet.

Überleben im Sommer, so Mike, sei „ein Kinderspiel“. Aber im Winter, „da wird’s happig“. Ständig bekommt das weitgehend baumlose Hochland jenes eisige Fauchen der Arktis zu spüren, das weiter westlich gelegentlich Metropolen wie New York lahmlegt. Dann peitschen die Sturmwinde den Schnee über die Torfwildnis, und an den Telegraphenmasten gefrieren die Eiszapfen fast in waagerechter Lage.

Es ist die Zeit, da das Fell der einheimischen Hasen allmählich seine eisblaue Tarnfarbe annimmt und Leute wie Mike sich vorübergehend in Orte wie Glencoe retten, wo gastfreundliche Pub-Wirte auch mal ein Plätzchen am Kamin gewähren. An besonders kalten Abenden versammelt sich ein ganzer Schwarm durchgefrorener Wandervögel hier an den Theken. Am schnellsten wäre die seltsame Spezies natürlich mit Macallans-Whisky, von der 60prozentigen Sorte (105 proof), aufzuwärmen. Doch der ist teuer. Meistens tun’s auch ein paar Guinness, das glimmende Feuer und die Lieder von Andy Stewart im Radio, der einen alten keltischen Wunschtraum besingt, nämlich einen ganzen Loch voller Whisky. Im Grunde handelt’s sich dabei um Après, wohlverdienter als nach dem härtesten Pistentag. Denn auch wenn weder Skier noch Schlitten im Spiel sind: Mike und die anderen Moorstreuner vollbringen die wintersportlichste Leistung weit und breit.

Drüben in Skandinavien glitt man ja nachweislich schon vor 4000 Jahren auf Ur-Brettern durch den Winter. Nördlich von Glasgow wirkten Topographie und Klima ebenfalls seit jeher skiverdächtig. Auch heutzutage zeigen sich in manchem schneereichen Februar einige Nebenstraßen unpassierbar. Gehöfte müssen per Hubschrauber mit Lebensmitteln versorgt werden. An der Verbreitung des nordischen Verkehrsmittels nach Süden waren die Insulaner jedoch nur geringfügig beteiligt. In den Augen des Sherlock-Holmes-Erdichters Sir Arthur Conan Doyle war ein Paar Ski wie „zwei Pantoffeln aus Ulmenholz“, die voller Tücke steckten: „Du ziehst sie an... und bohrst im nächsten Augenblick deinen Kopf wie verrückt in einen Schneehaufen hinein.“