Mit aller Gewalt in die Luft: Wie unsere Träume durch ihre Erfüllung banalisiert werden

Der uralte Traum vom Fliegen – er ist viel älter als unsere Flugmaschinen. Doch was ist aus ihm geworden, seit sich der Mensch mit Hilfe der Technik fahrplanmäßig in die Lüfte heben kann?

Pardon: heben lassen kann. Das ist ja der Unterschied: Wir fliegen nicht, wir lassen fliegen. Und wenn wir träumen, träumen wir nicht von den Maschinen. Was wäre das auch für ein Traum, der Traum vom siebenstündigen Linienflug über den Atlantik, von der kneifenden Enge in den Sitzen, von den Reihen schütter behaarter Hinterköpfe vor den Augen und den in Plastik servierten Ministeaks vor der Nase? Fliegen soll das sein? Für dieses Gefühl wäre der Schneider von Ulm nicht vom Kirchturm gesprungen.

In der Linienmaschine über dem Atlantik muß ich an den Schneider denken und an seinen freien Fall. Wie er sich – gleich uns in unseren besten Träumen – in die Lüfte schwang, mit ausgebreiteten Armen... Tief unter mir weiß ich den nächtlichen Ozean und spüre die eigene Schwerkraft so stark, daß ich mich wundere, warum sie den Jumbo nicht niederzieht. Aber wir fliegen, wir "fliegen". Vier mächtige Triebwerke donnern durch die Stille, schmutzige Abgase hinterlassend. Ich sehe keine gefiederten Schwingen, ich sehe stählerne Arme, die sich seitwärts in den Himmel recken. So ein Stahlkoloß kann überhaupt nicht fliegen. Doch er fliegt – mit Gewalt.

Fünf Musikprogramme aus dem Kopfhörer und das Nonstopkino strengen sich an, mich von diesem albernen Unbehagen abzulenken. Doch das Gefühl, an einem Gewaltakt teilzuhaben, verläßt mich erst, als wir in New York gelandet sind. Später wird Routine das Gefühl unterdrücken. Aber nach diesem meinem ersten großen Flug weiß ich, daß man Träume nicht verwirklichen soll. Hat nicht auch der Schneider von Ulm den Fehler gemacht, es nicht beim Traum vom Fliegen zu belassen?

Es ist ein Irrglaube, daß wir alle unsere Träume verwirklichen müßten, und das technische Zeitalter leistet ihm Vorschub in einer Weise, daß die Träume schließlich von ihrer "Realisierung" aufgesogen und banalisiert werden. Das Ergebnis der fragwürdigen Erfüllung unserer Träume ist in der Regel der Welt nicht zumutbar, der wir sie abgetrotzt haben. Wären Träume dazu da, erfüllt zu werden, würden sie dann Träume heißen?

Wer Wachträumen nicht nachhängt und auch im Schlaf keine Träume hat, der sei auf die Literatur verwiesen. Hätte Maria Stuart sich eines knatternden Hubschraubers bedienen können, um aus Elisabeths Gefangenschaft zu entkommen, dann hätte der Stoff allenfalls zur Farce getaugt, wohl kaum, wie bei Schiller, zum königlichen Trauerspiel: