Gewinnspiele

Mißtrauisch betrachtete Hildegard Roth (Name geändert, d. Red.) ihr Losglück. Noch nie war für die Hausfrau aus dem südwestfälischen Schwelm bei diversen Versandhaus-Gewinnspielen mehr herausgesprungen als „ein paar Geschirrtücher von Quelle“. Nun aber, so ließ der Tina-Versand seine Stammkundin im August vergangenen Jahres wissen, habe sie einen der sechs Hauptpreise im „Großen Traumpreise-Gewinnspiel 1988“ gewonnen. Hildegard Roth wurde zum „Gewinn-Favorit“ eines nagelneuen Mercedes 230 E erklärt. Da siegte Hoffnung über Vorsicht. Nicht nur ihre „Abruf-Urkunde“ reichte sie ein, sondern gleich noch eine zusätzliche Warenbestellung im Wert von 300 Mark. Im Glücksgefühl ging unter, daß neben vier weiteren exklusiven Preisen ein praktisch wertloser Katalog-Ring (Stückpreis: 29,50 Mark) die Liste der „Traumpreise“ ergänzte.

Die alsbald zusammen mit dem Warenpaket eintreffende Gewinnbenachrichtigung bereitete dem Traum vom schönen Auto ein jähes Ende. Der Katalog-Ring wurde Hildegard Roths „Hauptgewinn“, und sie bekam statt des Fahrzeugbriefes eine Rechnung für die in Hochstimmung georderten Tina-Produkte. Die Schwelmerin war auf eine illegale Version sogenannter sweepstake-Gewinnspiele reingefallen. Schon seit Jahren betreiben der Tina-Versand aus Langenfeld und der Offenburger Ompex-Versand auf diese Art eine zweifelhafte Kundenpflege. Jetzt will der Verbraucherschutz-Verein in Berlin mit zwei Grundsatzurteilen dem Treiben beider Kleinversender ein Ende bereiten. Aktionen, bei denen Gewinnspielteilnehmer über ihre Gewinnchancen getäuscht und zu zusätzlichen Bestellungen animiert werden sollen, halten die Verbraucherschützer für unlauteren Wettbewerb.

Die Chancen der Verbraucherschützer stehen nicht schlecht. Bereits im April vergangenen Jahres setzten sie sich gegen den Ompex-Versand vor dem Landgericht Offenburg in erster Instanz durch. Ähnliches gelang kürzlich gegen den Tina-Versand vor dem Landgericht Düsseldorf. Die Offenburger Richter definierten die sweepstake-Gewinnspiele als „Werbeverlosungen, bei denen die Gewinne vor Verteilung der Lose schon aufgeteilt sind und dem Endverbraucher hierüber Mitteilung gemacht wird“. Dieses Prinzip ist wettbewerbsrechtlich völlig legal und gilt in der Versandhandelsbranche längst als Pflichtübung in Sachen Kundenwerbung. Anstößig sei es erst, wenn – wie bei Tina und Ompex – dem Endverbraucher vor der definitiven Gewinnmitteilung eine Gewinnankündigung ins Haus flattere, die „erkennbar darauf angelegt“ sei, „beim Adressaten ein Gefühl der Hochstimmung zu erzeugen“.

Dies geschehe in der Regel durch „blickfangmäßige Versprechen“, sagt Eckbert Groote, Hausjurist des Verbraucherschutz-Vereins. Bestes Beispiel ist die Urkunde für Hildegard Roth, die darin zum „Gewinn-Favoriten“ des Luxusautos gekürt wurde. In dem Glauben, einen der wertvollen Hauptpreise gewonnen zu haben, sitzt potentiellen Kunden das Geld für Warenbestellungen lockerer. Einen zusätzlichen „wettbewerbswidrigen Anlockeffekt“ sah das Landgericht Düsseldorf im Fall des Tina-Versandes darin, einen Billig-Artikel aus dem Sortiment den ansonsten recht luxuriös gehaltenen Hauptgewinnen nebenzuordnen. Doch auch er wurde in der Gewinn-Urkunde als Top-Gewinn angepriesen.

Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen eine Warenbestellung dreist zur Teilnahmebedingung eines Gewinnspiels gemacht wurde. Nicht minder effektiv (und ebensowenig legal) ist jedoch der psychologische Druck, den die beiden Kleinversender nunmehr auf ihre Kunden ausüben. Im Kampf gegen solch üble Methoden leistete der Verbraucherschutz-Verein bislang Sisyphusarbeit. Alle beanstandeten Gewinnspiele – sie erscheinen in beinahe jedem der in unregelmäßigen Abständen verschickten Kataloge beider Firmen – wurden zunächst außergerichtlich abgemahnt. Die Versender bekamen eine Unterlassungserklärung vorgelegt, und erst, wenn sie nicht darauf reagierten, kam der konkrete Verstoß – und nur jeweils der – vor Gericht. Leicht modifiziert, aber weiterhin nach dem gleichen Prinzip mit irreführenden Gewinnankündigungen, warben Tina und Ompex unverdrossen mit neuen sweepstake-Varianten.

Sollten beide Urteile nun Rechtskraft erlangen, wäre der juristische Kleinkrieg beendet, und ein erneuter Verstoß würde für die Versender ein Ordnungsgeld bis zu 500 000 Mark bedeuten. Aus „existentiellen Gründen“ und mit allerlei gedanklicher Akrobatik wehren sich die Unternehmen gegen das drohende Ende ihrer Werbemethoden. In den Anträgen zur Berufungsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe stellen die Anwälte der Firma Ompex fest: „Das breite Publikum wird durch die konkrete Art der Gewinnspielwerbung gerade nicht irregeführt.“ Und der Geschäftsführer des Tina-Versands, Jürgen Ludwig, sieht sich gar einer „üblen Werbestrategie des Verbraucherschutz-Vereins“ ausgesetzt. Auch der Tina-Versand geht in die Berufung.

Hinter solch verzweifelten Anstrengungen steckt die Angst der kleinen Versender vor dem Ruin. Rund 5000 Versandunternehmen gibt es in der Bundesrepublik. Doch die 145 im Bundesverband des Deutschen Versandhandels organisierten Firmen – darunter sämtliche Branchenriesen – machen etwa 86 Prozent des Marktes unter sich aus. Kleinere Firmen jedoch, die sich, wie Tina und Ompex, um ein abgerundetes Warensortiment bemühen, haben es gegen die Großen immer schwerer. Ohne Gewinnspielwerbung befürchtet Jürgen Ludwig vom Tina-Versand, „von den Giganten gefressen zu werden“. Jens Afflerbach