Eile war geboten. Mit gepflegten 190 Stundenkilometern jagte ich dem Schwarzwald entgegen, aufgescheucht vom Lockruf des Goldes. Nach Sulzburg zog es mich hin. Hannover ließ ich hinter mir, fuhr wenig später an Frankfurt vorbei, näherte mich Freiburg in Windeseile. Gold, bei Sulzburg war Gold gefunden worden. Was würde mich erwarten? Haben die Sulzburger schon kräftig zugelangt? Haben sie mittlerweile das Dach ihres Rathauses vergoldet? Trägt die Einwohnerschaft seither funkelnde Goldzähne? Trinken sie ihren Wein aus güldenen Becherchen? Und würde auch für mich etwas übrigbleiben?

Schon lagen Bestellungen aus meinem engsten Bekanntenkreis vor, eine Südseereise war gebucht, kostspielige Investitionen getätigt. Unvergleichlich ist die belebende Wirkung eines anständigen Goldrausches. Bei Bad Krozingen verließ ich die Autobahn, ungeduldig auf das Lenkrad tippend, rauschte durch Staufen und schwenkte schließlich nach Sulzburg ein, das mittelalterliche Stadttor passierend. Ich sprang aus meinem Fahrzeug, die Ärmel aufgekrempelt, zu allem bereit.

Es war ein ganz gewöhnlicher Mittwochnachmittag. In tiefer Ruhe lag Sulzburg. Keine Menschenseele war auf der Straße, die Geschäfte geschlossen, dunkel die Fenster. Waren die Sulzburger oben im Berg, um noch mehr Gold zu schürfen? An wen sollte ich mich wenden?

Man hatte mich ja gewarnt. Im Zuge meiner Recherchen war ich an den Geschäftsführer der Hannoveraner Gewerkschaft "Wilhelm" geraten, die sich die Explorationsrechte für ein großes Waldstück gesichert hat und dort mit Messungen und Probebohrungen zugange ist. Herr Spieth suchte mich telephonisch zu beschwichtigen, "da werden Sie kaum kinderkopfgroße Nuggets finden, das Gold ist als feinste Flitterchen im Gestein verteilt". Vorsichtige Fachsimpelei! Mir persönlich war jedoch entschieden mehr nach handfesten Goldbrocken zumute. So rasch darf man sich nicht entmutigen lassen.

Den Telephonhörer umklammernd, setzte ich nach. "Sicher gibt es dort Gold", besänftigte Herr Spieth, "wir sind ja dabei, das systematisch und ganz seriös zu erforschen; die Touristen-Sucherei ist aber völlig unsinnig." Mit Hilfe einer Finanzierungsgesellschaft habe man rund 1,5 Millionen Mark investiert; sollte sich die Annahme bestätigen, daß das Goldlager sich in den Berg hinein erstreckt und dabei an Konzentration gewinnt, wäre ein Abbau kommerziell lohnend. Zwanzig Gramm Gold pro Tonne Gestein, dann könnte ein kleines Goldbergwerk entstehen. "Fünfzig Beschäftigte in einem Mittelbetrieb in einer täglichen Fördermenge von rund tausend Tonnen Rohgestein", so Spieths Vorstellung. Der Ruhm des Entdeckers übrigens gebührt dem Mineralogen Norbert Kindler, der im Winter 1980/81 im Sulzbach nach Halbedelsteinen suchte und in seiner Siebpfanne einige winzige graubraune Körnchen fand: mit Silber verunreinigte Goldpartikel. Und was ihm recht war, sollte mir nur billig sein.

Ich kehrte im "Sulzburger Bierhaus" ein und genehmigte mir einige Gläschen Wein, unauffällig das Gasthauspublikum musternd. So köstlich der Tropfen auch war, ein weiteres Problem behinderte den raschen Fortgang meiner Studien. Die Sulzburger haben Zeit. "Nobbe!" grüßen die Stammtischler den Neuankömmling, in aller Seelenruhe über ihre Weingläser gebeugt. Nur keine Hast in diesem Erdenleben. Keine Panik. Meine großstädtische Nervosität, angereichert mit schnüffelnder Goldgier, fiel hier auf denkbar unfruchtbaren Boden.

Die Wirtsleute jedenfalls reagierten auf meine Fragen nur mit einem mitleidigen Kopfschütteln, "wenn es droben was gibt, wir haben noch nichts gesehen", und zogen sich hinter die schützende Theke zurück. Auch im "Wilden Mann" wurde ich nicht fündig; dort tobte der Wahlkampf unter den Stammtischlern. "Wenn der Affe Bürgermeister wird, den erschieß ich!" tönte es mir entgegen, "diese Verfilzung!" Die Gegenpartei hatte für den in Ruhestand getretenen Bürgermeister wenig gute Worte, "wer Sulzbach in einem Jahr in finanzielle Schwierigkeiten bringt, muß schon ein rechter Esel sein".