Von Karl-Heinz Janßen

Es geschah in der Nacht vom 21. zum 22. März 1945. In der Hauptkampflinie vor der "Festung Königsberg", wo weit unterlegene deutsche Streitkräfte die Schlußoffensive der Roten Armee erwarten, tauchen aus der Dunkelheit vor den Deckungslöchern der 1. Kompanie eines Volksgrenadierregiments Männer in deutschen Uniformen auf. Die einen erzählen, sie seien ein versprengter Spähtrupp, andere behaupten, sie seien Pioniere und kämen vom Minenlegen aus dem Niemandsland. Doch immer heißt es plötzlich: "Hände hoch, wir sind vom Nationalkomitee Freies Deutschland! Kommt mit!" Einige dringen auch in den Bunker des Kompaniechefs ein. Oberleutnant Grünwald erkennt sofort, daß Widerstand sinnlos ist – die Eindringlinge sind gut bewaffnet.

Ohne daß ein Schuß fiel, wurden auf einen Schlag 40 Landser in sowjetische Gefangenschaft entführt, nach anderen Berichten überhaupt alles, was von der Kompanie noch übrig war. Ein Husarenstück sondergleichen: Deutsche gegen Deutsche, Kameraden gegen Kameraden. Die Angreifer gehörten zu einer Kampfgruppe kriegsgefangener Antifa-Kämpfer, die von einem Leutnant Peters geführt wurde. Sie waren als "Frontschule" dem Kommando der 1. Baltischen Front (gemeint ist eine sowjetische Armeegruppe) unterstellt.

Diese Einsätze bewaffneter deutscher Freiwilliger im Verband der Roten Armee sind in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit so gut wie unbeachtet geblieben. Dies ist um so erstaunlicher, als in der Endphase des Krieges alle Ostfrontkämpfer vor der "Seydlitz-Armee" gewarnt wurden. General Walther von Seydlitz war Anfang Februar 1943 in Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft geraten und hatte sich als Vizepräsident dem Nationalkomitee zur Verfügung gestellt, das im Juli 1943 in Krasnogorsk, einer Stadt südwestlich von Moskau, von kommunistischen Emigranten und deutschen Kriegsgefangenen gegründet worden war. Ihr erklärtes Ziel: Deutschland solle Hitler stürzen und aus eigener Kraft dem Krieg ein Ende bereiten.

Am kommenden Wochenende wird in einer eindrucksvollen Fernsehdokumentation, die vorerst leider nur im Dritten Programm der Nordkette gezeigt wird, ein ehemaliger sowjetischer Offizier auftreten, der allein 33 Einsätze mit ehemaligen Wehrmachtsoldaten hinter den deutschen Linien angeführt hat. Der Hamburger Publizist Bernd C. Hesslein hatte im letzten Jahr die Erlaubnis bekommen, mit einem Kamerateam des Norddeutschen Rundfunks in Krasnogorsk zu filmen, wo vor dreieinhalb Jahren ein Museum der deutschen Antifaschisten eingerichtet worden ist. Er durfte das Archiv benutzen und Interviews mit ehemaligen sowjetischen Politoffizieren führen. Sein Film ("Roter Stern und Stacheldraht. Umerziehung in sowjetischer Kriegsgefangenschaft") ist ein Stück deutsch-sowjetischer Anstrengung, die Geschichte des Krieges aufzuarbeiten. Man steht damit erst am Anfang; viel Material ist noch zu sichten und auszuwerten.

Ohne Glasnost wäre es kaum möglich gewesen – zu diesem Teil der Vergangenheit hatten die Kommunisten in den letzten Jahrzehnten ein eher zwiespältiges Verhältnis. In der DDR, die seit 1949 die Tradition des "Antifa" hochhielt, wurde zum Beispiel des 40. Jahrestages der Komiteegründung nicht gedacht. DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler, im Juli 1941 zu den Russen übergelaufen, ist übrigens einer jener Soldaten, die damals vom Nationalkomitee in die Schützengräben geschickt wurden, um deutsche Soldaten zum Überlaufen oder zur Kapitulation aufzufordern.

In den ersten Kriegsjahren hatte die sowjetische Frontpropaganda kaum Erfolg. Dies änderte sich erst mit dem Untergang der 6. Armee, die von Hitler auf dem verlorenen Posten in der Wolgametropole Stalingrad (heute Wolgograd) kaltblütig geopfert wurde. Ehe sich im November/Dezember 1942 der Einschließungsring festigen konnte, hätte sich die Armee (an die 250 000 Mann) noch nach Westen durchschlagen können. Der Oberbefehlshaber, Generaloberst Friedrich Paulus, wurde von einem seiner Korpskommandeure, eben jenem Artilleriegeneral und Eichenlaubträger Seydlitz, Sproß einer berühmten preußischen Offiziersfamilie, dazu gedrängt, seine Armee auch ohne Führerbefehl auf eigene Faust zu retten. Paulus ("Ich stehe hier auf Befehl") wagte die befreiende Tat nicht.