Von Christoph Bertram

Wien, Anfang März

Vielleicht haben historische Ereignisse es so an sich, daß ihre Bedeutung von den Zeitgenossen nicht immer gleich erkannt wird. Da kommen – fünfzig Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – in der Wiener Hofburg die Vertreter von 35 Staaten zusammen, um für Europa ein neues Zeitalter einzuläuten – und keiner will es so recht wahrhaben.

Der Gastgeber, das österreichische Außenministerium, hat offenbar nicht mit dem Ansturm der Journalisten gerechnet. Da gibt es zunächst einmal nicht genügend Fernsehapparate, um die Reden der hohen Herren (und einer Dame) ins Pressezentrum zu übertragen, nicht einmal genug Stühle. "Wie in Osteuropa", meint mit dem Zynismus der Resignation eine junge, liebenswürdige Dame des Pressedienstes und weist mit dem Kopf auf den Pulk der Presseleute, die den Text der Rede des sowjetischen Außenministers Schewardnadse ergattern wollen: "Wo es eine Schlange gibt, da ist was zu holen."

Auch draußen, im sonnigen Wiener Frühlingswetter, will nicht das Gefühl aufkommen, man wohne einem besonderen Ereignis bei. Zwar fahren unentwegt glänzende Karossen vor, die Polizei ist diskret gegenwärtig. Wie schon bei früheren Wiener Ost-West-Treffen knien vier Mönchsgestalten im Park und singen in bedrückender Eintönigkeit ihr unbeholfenes Fastengebet "für die direkte Abschaffung aller atom-konventionellen Streitkräfte!". Aber die Pferde der Fiaker dösen geduldig vor sich hin. Auf den Bänken ringsum sitzen Pärchen und andere Mittagspausler, die die warme Frühlingssonne genießen und denen womöglich nicht nur die trommelnden Mönche draußen, sondern auch die tönenden Minister drinnen ziemlich egal sind.

Sie nehmen damit einen Zustand vorweg, den die Politiker erst noch schaffen wollen: ein sorgloses Europa, von der Angst vor militärischen Überfällen befreit. Wie es genau aussehen soll, das weiß auch unter der eleganten Kuppel der Hofburg noch niemand. Hier hat Kaiser Franz-Josef einst die Vertreter der österreichischen Kronländer empfangen; "viribus unitis" – den geeinten Gefährten – heißt das Motto an der Wand und in der Allegorie des Deckengemäldes. Heute sitzen die Gefährten noch immer ungeeint darunter, aber die meisten spüren, daß die vierzig Jahre lang eingefrorene europäische Geschichte wieder in Bewegung gerät.

Außenminister Genscher beschwört, wie gewohnt, die historische Dimension. Sein sowjetischer Amtskollege spricht spröder von einer "einzigartigen Chance", ein "Europa neuer Qualität und neuer Werte" zu schaffen. Der Neuankömmling in diesem Kreis, der Amerikaner James Baker, zitiert Dostojewski ("Das Feuer ist in den Köpfen der Menschen, nicht auf den Dächern") und redet gar von den "Schlüsseln, die die Tür zu einem europäischen Haus der Zukunft öffnen" könnten. Die Tagespolitiker üben sich in Visionen.