Die Skepsis im Westen erklärt sich ja auch daraus, daß so mancher der jetzt wieder in Wien versammelten Diplomaten seine bitteren Erfahrungen gemacht hat. Immerhin wurde ja schon einmal versucht, die konventionelle Rüstung in Europa zwischen Ost und West abzubauen – mühselige 15 Jahre lang, vom Oktober 1973 bis zum Februar 1989 in den "Verhandlungen über gegenseitige, ausgewogene Truppenreduzierung" (MBFR) hier in Wien.

Aber der Osten wollte seinen Militärüberhang um keinen Preis zur Disposition stellen. 493 Plenarsitzungen, hundert Vorschläge und Gegenvorschläge hat es da schon einmal in der Wiener Hofburg gegeben, aber keine Ergebnisse. Es war, so spottet jetzt der britische Außenminister Sir Geoffrey Howe, "die längste Scheinschwangerschaft in der Geschichte der Rüstungskontrolle". Mit solchen Scherzen übertüncht er die im Westen seit langem aufgestauten Frustrationen.

Heute dagegen scheint der alte Ärger schon fast verblaßt zu sein. Das Ziel ist ungefähr klar und in etwa für Ost und West gleich. Beide suchen nach mehr Sicherheit durch weniger und auf beiden Seiten gleich viele Waffen. Aber – und deshalb ist das Wiener Treffen noch keine Sensation – zwischen der Start- und Ziellinie liegt ein ganzes Arsenal von Hürden, Barrieren und Stolpersteinen.

  • Was ist die Ausgangslage? Ein massives Ungleichgewicht zugunsten des Warschauer Paktes, meint die Nato, und fordert den Ausgleich auf gemeinsame Höchstgrenzen: 40 000 Panzer, 33 000 Geschütze, 56 000 Infanterie-Kampffahrzeuge. Davon solle jedes Bündnis die Hälfte behalten dürfen; in keiner dieser drei Kategorien dürfte zudem ein Land mehr als dreißig Prozent des Gesamtbestandes aufweisen. Die Zahl der Waffen, die ein Land außerhalb seines Territoriums unterhalten darf, soll außerdem begrenzt werden. Der Nato-Vorschlag zielt unverblümt auf die drastische Abrüstung vor allem der Roten Armee; für die eigenen Streitkräfte sind nur bescheidene Reduktionen vorgesehen.

Ganz anders die Ausgangsposition des Warschauer Paktes. Danach gibt es ein ungefähres Gleichgewicht schon heute. Ost und West sollten sich auf gemeinsame "kollektive" Obergrenzen einigen, die zehn bis fünfzehn Prozent unter dem niedrigsten Rüstungsstand liegen. Es geht nicht um die Beseitigung einzelner Asymmetrien, sondern um eine Paketlösung, die irgendwie Vor- und Nachteile in den einzelnen Waffenkategorien ausgleicht.

  • Bei welchen Waffen soll gekürzt werden? Die Nato meint, nur bei solchen, die zu offensiven Landoperationen besonders geeignet sind: Panzer, Artillerie und gepanzerte Gefechtsfahrzeuge. Der Warschauer Pakt will das nicht ausreichen lassen. Auch Kampfflugzeuge und -hubschrauber müßten einbezogen werden.
  • Wer muß mehr abrüsten? Beide Bündnisse haben in den letzten Monaten Zahlen über das Streitkräfteverhältnis zwischen Ural und Atlantik vorgelegt, eine Routineübung für die Nato, eine Premiere für den Warschauer Pakt. Doch kommen beide zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einig sind sie nur darin, daß die östliche Seite mehr Panzer, mehr Geschütze und mehr Schützenpanzer hat, obgleich die Differenz nach dem Nato-Vergleich sehr viel größer ist als bei dem des Warschauer Paktes. Aber damit nicht genug der Streitpunkte. Nach westlicher Rechnung hat der Osten rund 4000 Kampfflugzeuge mehr als der Westen, nach östlicher Rechnung ist der Osten umgekehrt um rund 1400 unterlegen. Bei den Panzerabwehrwaffen gar sieht der Osten die Nato um rund 6500 Systeme überlegen (18 020 gegenüber 11 465), der Westen den Warschauer Pakt um 26 000 (44 200 gegenüber 18 240).
  • In welchen Zonen soll reduziert werden? Nach langen innerwestlichen Verhandlungen geht die Nato von drei Zonen aus: Nordeuropa (Norwegen und ein Teil der Sowjetunion), Südeuropa (der größte Teil der Türkei und ein Teil der Sowjetunion) und Mitteleuropa (der Rest). Die östliche Seite jedoch will mitten in Europa, entlang der Trennlinie zwischen den beiden Bündnissen, Zonen ausgedünnter Militärpräsenz einrichten, aus denen im übrigen auch taktische Atomwaffen (die sonst nicht Gegenstand der Verhandlungen sind) abgezogen werden sollen.

Gewiß, das sind zunächst die Ausgangspositionen. Beide Seiten geben sich verbindlich: Die Unterschiede ließen sich überbrücken. Die Politiker im Saale – viribus unitis – wollen nicht, daß die Verhandlungen sich im Datenstreit der Erbsenzähler festbeißen, wie weiland die MBFR-Verhandlungen. Deshalb auch betont die Nato, es komme nicht so sehr darauf an, wie viel jede Seite jetzt habe, sondern wie viel sie am Ende behalten dürfe. Aber der Warschauer Pakt will dem noch nicht zustimmen. So steht den Verhandlungsführern, wenn die Politiker nicht höllisch aufpassen, ein langes und mühseliges Hin und Her bevor. Zwar will der Osten den Streit durch Inspektionen an Ort und Stelle auffangen. Aber rasch wird das alles nicht gehen. Zwei bis drei Jahre, versichert Schewardnadse optimistisch, werde es bis zu einem ersten Abkommen dauern.