In Borges’ Erzählung „Der Garten der sich verzweigenden Pfade“ ist der Garten der phantastische und unmögliche Roman eines gewissen Ts’ui Pen, in dem die Figuren alle ihre potentiellen Biographien ausleben: In jeder Fiktion wählt jemand eine Möglichkeit – auf Kosten des anderen.

In dem schier unergründlichen Ts’ui Pen wählt er – zu gleicher Zeit – alle zugleich. Dadurch schafft er verschiedene Zukünfte, verschiedene Zeiten, die beginnen, andere, die sich dann verzweigen und gabeln ... Der Held stirbt im dritten Kapitel, und im vierten taucht er wieder auf.

Ähnlich wie der fiktive Ts’ui Pen, ist auch der wirkliche – oder „wirkliche“ – Philip Roth seit langem Schöpfer von Gegenleben: Portnoy, Tarnopol, Kepesh, Zuckerman, Und also ist er darauf gefaßt, daß seine Leser sich seiner Autobiographie – seiner „Autobiographie eines Romanautors“ – mit einem gewissen Mißtrauen nähern. Daß er das Buch „The Facts“ genannt hat, ist typisch für seine Art, noch eins draufzusetzen. Wie wir wissen, sind Fakten windige Wesen, und Rothsche Fakten sind in der Regel noch windiger als andere.

Die „Fakten“ wenden sich faktisch nicht an uns, die Leser, sondern an den fiktiven Nathan Zuckerman, Roths altgedientes Gegen-Ich. Davon einmal abgesehen entspricht der Anfang dann doch im wesentlichen den Fakten: „Ich erzähle Ihnen, daß im Frühjahr 1987, auf dem Höhepunkt einer zehn Jahre währenden Schaffensperiode, ein kleiner operativer Eingriff sich zu so anhaltenden körperlichen Qualen auswuchs und zu einer so extremen Depression führte, daß ich an den Rand der emotionalen und geistigen Auflösung geriet.“ Nach dem Zusammenbruch begann Roth, „das Erlebte authentisch wiederzugeben“, damit er „meine Lebenskraft erneuern, mich in mich“ verwandeln konnte; oder er machte sich auch an seine Wiedergeburt, wie seine Figuren, „wie du, Zuckerman, der du in ‚Gegenleben‘ durch deine englische Frau wiedergeboren wirst, wie dein Bruder Henry, der seine Wiedergeburt in Israel bei seinen West-Bank-Fundamentalisten sucht.“

Das Buch, das er uns vorlegt, ist jedoch mehr als nur Therapie. Es ist eine lebendige und oft anrührende Beschreibung der Anfänge eines Schriftstellers, sie verdient einen Platz neben Eudora Weltys neuestem, wunderbar evokativen Buch über das gleiche Thema.

Besonders zwei Passagen fallen auf. Die eine ist Roths Bericht, wie er nach der Veröffentlichung von „Goodbye, Columbus!“ des Antisemitismus’ beschuldigt und als Jude voller Selbsthaß bezeichnet wurde und wie er auf einer Konferenz an der New Yorker Yeshiva University „merkte, daß man nicht bloß gegen mich war, sondern mich haßte“. Seine Reaktion auf diese Verteufelung war – die persönliche Anmerkung sei mir gestattet – für den auf ähnliche Weise bedrängten Verfasser dieser Zeilen sehr bewegend, ja sogar hilfreich.

Auch an mir stellte ich die eigenartige Lethargie, die einschläfernde Dumpfheit fest, die Roth bei diesen Anwürfen überkommt; aber auch die dumme Wut des Gedemütigten die ihn zu dem Ausruf veranlaßt: „Nie wieder schreibe ich über Juden!“ Und als die Wut verraucht ist, und er begreift, daß „der verletzende öffentliche Streit meines Lebens nicht das Ende meiner schriftstellerischen Auseinandersetzung mit den Juden markierte, ganz zu schweigen von der Exkommunikation, sondern den wirklichen Beginn meiner Knechtschaft ... diese Gruppe, deren Geborgenheit mir einmal so viel Sicherheit gegeben hatte, war selbst auf fanatische Weise unsicher. Meine Demütigung ... war die größte Chance, die sich mir nur bieten konnte. Ich hatte ein Brandmal“ – dann spricht er auch hier unmittelbar und zutiefst nicht nur zu mir, sondern auch für mich.