Von Martin Ahrends

Das Buch liest sich wie ein großes Versuchsprotokoll; das Experiment, das in der DDR mit siebzehn Millionen unternommen wird, das Experiment sozialistische Demokratie, nimmt dieser eine ganz ernst und dreht die Versuchsanordnung dabei um, läßt sich nicht mehr zum Objekt des Experiments machen, sondern testet seinerseits die Bedingungen des Großversuchs auf ihre Übereinstimmung mit den theoretischen Prämissen. Er ist studierter Physiker, er versteht etwas von Experimenten und von der Logik wissenschaftlicher Erkenntnis. Und er widerlegt experimentell, sozusagen im Selbstversuch, die Behauptung der großen Gesellschafts-Alchimisten, hier würde eine neue und alle bisherigen überragende Form gesellschaftlichen Zusammenlebens erprobt. Er widerlegt die realsozialistische Praxis von ihrer eigenen Theorie her, indem er sich in seinen Worten und Taten auf die Klassiker des Marxismus-Leninismus, auf die DDR-Verfassung und auf die von der DDR unterzeichnete Erklärung der Menschenrechte bezieht, anstatt die in der DDR übliche schizophrene Denkungsart zu übernehmen. Er spielt "Deutsche Demokratische Republik" mit den Funktionären des gleichnamigen Staates und bringt sie dabei immer wieder in große Verlegenheit.

Doch nicht nur als Physiker ist Gabriel Berger prädestiniert für diesen Selbstversuch. Als Kind jüdischer Emigranten und eines besonders linientreuen Genossen, als behördlich anerkannter "Verfolgter des Naziregimes" hat er eine gewisse Narrenfreiheit. Und er hatte, seit er mit zwölf Jahren aus Polen in die DDR kam, den fremden Blicken dessen, dem alles, was "deutsch" hieß, immer unheimlich gewesen war. Was sich dem zwölfjährigen Neu-DDR-Bürger vor allem einprägt, ist die Häufung von Uniformierten; besonders die NVA-Uniformen, die denen der Wehrmacht so ähneln, bestätigten sein Bild vom "häßlichen Deutschen".

Gabriel Berger, 1944 in Südfrankreich geboren, seit 1948 in Polen aufgewachsen, ist mit DDR-Deutschland nie ganz warm geworden. Mehrfach hat er versucht, die ungeliebte Staatsbürgerschaft wieder loszuwerden, um die polnische oder französische zu erlangen – vergeblich. Mehrfach hat er versucht, einem Beamten im Innenministerium, Abteilung Paß- und Meldewesen, zu erklären, daß man ihn als Juden nicht verantwortlich machen könne für die Folgen der Nazidiktatur, als die er die Reisebeschränkungen betrachte. Es ist natürlich aussichtslos, aber er tut es dennoch, was der Aussichtslosigkeit, vor allem aber der drohenden Repressalien wegen niemand sonst unternehmen würde: Er tut so, als hätte er die staatsbürgerlichen Rechte, die zu gewähren die DDR sich in internationalen Erklärungen verpflichtet hat. Da sind Dialoge protokolliert, die im DDR-Alltag sonst nicht vorkommen, weil niemand ein Interesse daran hat, sich unnötig in Gefahr zu bringen. Gabriel Berger aber muß sie führen, denn er muß unwiderlegbar beweisen, daß es kein Kneifen ist, keine Flucht vor sinnvollen Mühen und Entbehrungen, wenn er dem DDR-Sozialismus den Rücken kehrt. Seinem Vater muß er das beweisen, vor allem aber sich selbst.

Seine kommunistische Erziehung ist es auch, die ihn, wie er schreibt, dazu "prädisponiert, so empfindlich und aggressiv auf die mich umgebende Wirklichkeit zu reagieren ... Nur als enttäuschter Gläubiger konnte ich jene diabolische Freude an der Selbstentlarvung der Nutznießer der zum Staat entarteten Idee empfinden, ihnen die Hölle wünschen. Wäre ich nicht zum Kommunisten erzogen worden, hätte ich diese Wirklichkeit gelassener hinnehmen können." Und natürlich tut er es auch aus Interesse an diesem ungeliebten real existierenden Sozialismus: "Ich verhielt mich so, als sei die DDR ein demokratischer Staat, der andere Meinungsäußerungen ganz selbstverständlich toleriert. Würden alle so handeln, glaube ich, dann wäre damit die Diktatur überwunden. Die große Befreiung müßte im kleinen, bei jedem selbst beginnen."

Als Atomphysiker im Kernforschungszentrum Rossendorf tut Berger, woran einen in der DDR gemeinhin eine zur Selbstverständlichkeit gewordene Angst hindert: In Briefen teilt er den Staats- und Parteifunktionären sein begründetes Mißfallen an der inneren Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik mit, schlägt in der Kantine die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" an, und es geschieht, worauf er gehofft hatte: Der Leiter für Ordnung und Sicherheit entfernt sie unter den Augen der Kollegen. Berger erstattet gegen diesen Leiter Anzeige bei den Dresdener Bezirksverwaltungen der SED und der Staatssicherheit. "Beschwingt warf ich die beiden Briefe in den Briefkasten. Ich wurde von einem Hochgefühl erfaßt, das ich bis dahin nicht kannte..." Er schildert seinen "Rausch der Freiheit", ein Gefühl, das nicht von außen kam, dessen Quelle in ihm selbst lag: in der Überwindung der Angst.

Als nächstes beantragt Gabriel Berger die Genehmigung einer Demonstration gegen die Verletzung grundlegender Menschenrechte in der DDR. Er avisiert hierfür den Ersten Mai und bittet im Ablehnungsfall "höflichst darum, mir einen für Sie genehmeren Termin für meine Demonstration zu nennen". Diesen Antrag versendet er an die Bezirkskommandantur der Volkspolizei und die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit. Er provoziert die Scheinlegalität des DDR-Staates, er tut es so lange, bis die Maske fällt. An einem ganz "gewöhnlichen sozialistischen Tag" (wie Berger dies Kapitel überschreibt) wird er ohne das geringste Aufsehen "zur Klärung eines Sachverhalts" von zwei Herren der Staatssicherheit in seinem Büro in Rossendorf festgenommen. Er findet sich im Stasi-Gefängnis wieder, wird in Untersuchungshaft genommen, fünf Monate lang verhört, ehe man ihm einen Prozeß macht wegen Staatsverleumdung. Im April 1977 wird er mit anderen Strafgefangenen in die Bundesrepublik entlassen.