Von Christine Richard

Ein richtiger Spaßmacher hat nichts zu lachen. Schon gar nicht, wenn er Matthias Deutschmann heißt und das kabarettistische Gewissen der Freiburger Szene war. Mit den Alternativen gemeinsam hat er die Höhen des Häuserkampfs und die Tiefen der Zersplitterung in Einzelgrüppchen durchlebt; er war ihr Faschingsprinz bei bunten Happenings und zugleich ihr Hofnarr, wenn’s selbstkritisch wurde.

Jetzt ist in Freiburg ein langer Aschermittwoch angebrochen. Die Szene ist wechselweise in sich verbissen oder fällt auseinander. In solchen Situationen wird gern der Ruf nach den ehemaligen Führungskräften laut. Ihre Köpfe rollen zuerst. Den einen ist der Kabarettist Deutschmann zu rechts, den anderen zu links, und blickt er selber geradeaus in eine ganz eigene, eine literarische Richtung, dann fühlen sich alle zusammen von ihm verraten.

Idole dürfen alles, nur nicht wackeln. Hofnarren sollen alles, nur nicht ernst werden. Als Matthias Deutschmann ausnahmsweise einmal nicht in einem der Freiburger Alternativzentren spielte, sondern die gutbürgerlichen Bretter des Theatercafes im Stadttheater betrat, tat er das nicht alleine. Eine Unterfraktion der "Halbautonomen" stieg ihm auf die Bühne nach, schleppte ein Kreuz herbei, an das er gebunden werden sollte, und intonierte: "Sollen wir ihn kreuzigen oder steinigen? Wir haben uns für beides entschieden. Deutschmann, Deutschmann, warum hast du uns verlassen?"

Genau konnte diese Frage nun niemand beantworten, am wenigsten der Kabarettist selbst, dessen Programm "Eine Schnauze voll Deutschland" eigentlich recht autonom alles attackierte, was politisch kreucht und fleucht.

Noch 1984 hatte er kurz vor Weihnachten ein Kaufrausch-Happening veranstaltet ("Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier"). Zum Schrecken der Freiburger Bürger wurde in der Innenstadt ein Hähnchen ans Kreuz genagelt – und wurde prompt von der Polizei beschlagnahmt. Als nun im Theatercafe der Kabarettist selber dran sein sollte, war die Polizei nicht zu sehen. Die Revolte frißt ihre Kinder. Symbolisch, versteht sich, eben auf gut alternative Art.

Immer schon ist er zwischen den Stühlen gesessen. Zwischen dem bürgerlichen, CDU-nahen Elternhaus und den Platzbesetzern in Wyhl, wo er sich als Schüler gegen das geplante Kernkraftwerk engagierte. Zwischen kabarettistischem Wort und agitatorischer Tat später beim Häuserkampf; zwischen Karl Marx und Thomas Müntzer in seinem Prgramm.