Gerade ist der Reporter aus Bärnau zurückgekehrt, hat, noch erschöpft von der langen Reise (umsteigen in Tirschenreuth, Wiesau, Schnabelwaid, Nürnberg), seine endlosen Gesprächsnotizen auf dem Schreibtisch ausgebreitet (124 Seiten in drei Tagen), hat das Bündel mit den photokopierten Zeitungsausschnitten aufgeschnürt und soll nun seine Geschichte schreiben.

Himmel!

Die Geschichte ließe sich in einem Satz erzählen: Das Städtchen Bärnau in der Oberpfalz ist das Zentrum der deutschen Knopfindustrie, weshalb der Bürgermeister dachte, schön wäre eine Städtepartnerschaft mit Źírovnice, ČSSR, wo auch Knöpfe fabriziert werden; doch die Bärnauer Knopffabrikanten sind dagegen, weil sie den Import tschechischer Billigknöpfe fürchten, und nachdem sich die Bärnauer ein Jahr lang darüber gestritten haben, mußte der Stadtrat jetzt beschließen, die Bemühungen „vorläufig ruhen zu lassen“, bis „neue Erkenntnisse über mögliche Auswirkungen“ vorliegen – die Städtepartnerschaft ist beendet, bevor sie begonnen hat.

Soviel wußte der Reporter allerdings schon, als er im Zug nach Bärnau saß. Er hatte mehr wissen wollen, und er sollte mehr erfahren, als ihm lieb war. Ganz Bärnau, immerhin 3600 Einwohner, hat sich an dem vergleichsweise langweiligen Thema entzündet, nutzte die Leserbriefspalten der beiden Lokalzeitungen als Gefechtsfeld für den Bürgerkrieg, und wen auch immer der Hamburger gefragt hat, nach anfänglichem, geschmeicheltem Zögern („Wissen Sie, eigentlich möchte ich zu der ganzen Sache nichts mehr sagen, da ist so viel Staub aufgewirbelt worden“) brauchte es meist nur drei, vier Minuten, bis ihm aus griffbereiten Aktenordnern die ersten belastenden Schriftstücke über den Tisch geschoben wurden.

Ganz Bärnau – der Reporter ist sich nicht sicher, ob er mit wirklich allen wichtigen Leuten gesprochen hat. Aber schon die Zahl und das Gewicht der Gespräche, deren Aufzeichnungen nun auf eine ordnende Hand warten, treiben ihn schier in die Verzweiflung. Hat man je eine Reportage mit siebzehn handelnden Personen gelesen?

Eine Liste der Mitwirkenden:

Marcel Hermann, Leiter des Bärnauer Knopfmuseums, hat 1983 mit 9000 Knöpfen begonnen, verfügt heute über 400 000, will noch höher hinaus: „Ich brauche 2,5 Millionen Knöpfe, bis ich satt bin“; sieht das Hauptproblem seiner Stadt „in einzelnen Personen, die sich Persönlichkeiten nennen“ und weist auf das gespaltene Verhältnis des Bärnauers zum Knopf hin: „Wer oft jahrelang nur Muscheln ausgedreht hat oder immer nur Vorderformen gedreht hat oder nur Löcher gebohrt hat oder immer im Polierraum gestanden hat, der hat eine Haßliebe zum Knopf.“