Oblomow, „Edelmann von Geburt, und Kollegien-Sekretär seinem Rang nach“, lebte schon zwölf Jahre lang in Petersburg. Aufgewachsen war er „am Busen der Provinz“, in einem beschaulichen Winkel, zu dem das Dörfchen Oblomowka gehörte. Das Leben zerfiel seiner Ansicht nach in zwei Teile: „Der eine bestand aus Arbeit und Langeweile, das waren für ihn Synonyme; der andere aus Ruhe und behaglicher Fröhlichkeit.“ Termine erledigte Oblomow grundsätzlich „morgen“. Er hatte seinen Dienst quittiert und verbrachte die meiste Zeit im Kabinett seiner Wohnung im Bett. Sein Leben war eine einzige „Oblomowerei“, das heißt, ihn verzehrte die Sehnsucht nach dem „Ideal des verlorenen Paradieses“ (nach der Zeit seiner glücklichen Kindheit in Oblomowka). „Manchmal verdüsterte sich sein Blick durch Langeweile.“ – „Wie langweilig!“ flüsterte er dann, während er die Beine bald ausstreckte, bald wieder an sich zog. So lebte er mit seinem alten Diener Sachar in einer geräumigen, ziemlich verschmutzten Wohnung an der Gorochowaja, einer der Hauptstraßen Petersburgs.

Im Grunde hatte Sachar mit Oblomow ein Kind zu versorgen, das sich wohlig in den Kissen wälzte und quengelte, wenn es hungrig war oder sich zu langweilen begann. Am liebsten versteckte Oblomow seinen Kopf unter der Bettdecke – wenn es um unbezahlte Rechnungen ging oder um die Tatsache, daß in Oblomowka Bauern als Leibeigene für ihn arbeiteten. „Ihm waren die allgemeinen menschlichen Leiden nicht fremd. Er weinte manchmal in tiefster Seele bitterlich über das Elend der Menschheit, empfand maßlose, namenlose Qualen und Sehnsucht nach Ferne.“ Er war grundaufrichtig, aber abgrundtief faul und träumte von stillen Gegenden, „nichts Grandioses, Wildes und Düsteres (das Meer zum Beispiel? Gott befohlen!)“. Reisen haßte er genauso wie Umzüge. Als er aus finanziellen Erwägungen genötigt war, von der Innenstadt auf die Wyborger Seite Petersburgs zu wechseln, war er am Rand des Nervenzusammenbruchs. Auch der Umzug aus einem Roman des 19. Jahrhunderts – Iwan Gontscharows „Oblomow“ – in ein Theaterstück von Franz Xaver Kroetz und auf die Bühne des Münchner Prinzregententheaters ist ihm schlecht bekommen.

Dabei hatte Kroetz die schöne Idee, unserer Bizeps- und Fitness-Gesellschaft Oblomow zuzumuten, live. Verkörperter Hohn auf smarte broker und joggende Abteilungsleiter („Wozu die Eile?“), auf Streß und Diät. Oblomow war ein aristokratischer Schmarotzer, aber was waren die anderen? Schon bei Gontscharow klagt er über die hohle Petersburger Karriere-Gesellschaft. „Das alles sind Leichname, schlafende Menschen, schlimmer noch als ich...“ Kroetz/Oblomow: „Komm mir nicht mit Petersburg!“ Diese Jugend „ist älter als die ältesten Greise“. Schon Gontscharow ist es nicht gelungen, uns Oblomow bloß als Repräsentanten „einer untergehenden Klasse“ (Kroetz) vorzuführen. Immer wieder wird Oblomows „ehrliches, treues Herz“ betont. „...solche Leute gibt es wenige; die haben Seltenheitswert; das sind Perlen in der großen Menge!“ Bei Kroetz sagt Oblomow über die Gesellschaft, den alten Adel und das aufstrebende Bürgertum: „Ich fürchte mich vor dem Nichts, sie sind es.“

Oblomows leibhaftiges Erscheinen auf dem Theater hätte eine Wonne sein können: zugleich eingebildeter Kranker, Taugenichts, Schläfer, fauler Poet. Oblomows Zeitgefühl erinnert an Beckett-Figuren, auch wenn er sich nicht mit Bananen abspeisen läßt, sondern zu tafeln versteht. Ein Leibstuhl hätte sein schmutziger Thron sein können. König Oblomow stirbt. Wir waren auf Pausen vobereitet, auf ein bißchen Oblomowskaer „Stille“. Aber statt dessen kommentiert aus der Loge ein fleißiges Terzett die Szenen mit Balalaika-Klängen.

Auf der Bühne (Heinz Hauser) sieht man ein Bett und eine Standuhr, deren Scheiben so schmutzig und milchig sind, daß man die Zeiger kaum noch erkennen kann. Oblomow (Wolfgang Reinbacher) liegt nicht im Bett, sondern eher darauf, kein Wälzen, kein Versinken. In keiner Sekunde dieses Abends (Regie: Franz Xaver Kroetz) gelang es Reinbacher, zu zeigen, was für ein sinnliches Vergnügen die Faulheit ist. Von diesem Münchner Oblomow bleibt nur die Erinnerung an einen verschmutzten roten Morgenmantel, den Reinbacher wie ein Kleiderständer fast drei Stunden lang über die Bühne trägt. (Kostüme: Otto Kollross), assistiert von einem Diener (Heini Göbel als Sachar), der grau und mit hängenden Schultern dasteht wie in einer Tschechow-Inszenierung auf dem Lande.

Auf eine ziemlich unerquickliche Weise war der ganze Abend eine Oblomowerei. Schon Tage vor der Aufführung hatte Kroetz in der Münchner Abendzeitung seinem Zorn über das Bayerische Staatsschauspiel Luft gemacht: über die mangelnden technischen Möglichkeiten des Prinzregententheaters, eine allgemeine Arbeitsunlust im Haus und über den Intendanten („Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken“). Das Interview las sich wie ein Prolog: Günther Beelitz, der Kaufhaus-Intendant, die neue Zeit (und Wolfgang Reinbacher deren Schatten auf der Bühne). Gerade der rechte Augenblick, „Oblomow“ zu spielen.

Auftritt Gerd Anthoff als Wolkow, ein junger Dandy der Petersburger Gesellschaft. Er kommt gerade vom Schneider, schwärmt vom realistischen Roman („Dichtung muß Strafe sein“), will sich durch eine Heirat sanieren und ist auf dem Weg zu Fürst Tjumenow, um zu speisen. Verschwenderisch geht er mit dem Wort „Fortschritt“ um und weiß doch, daß es ihm längst wie ein Messer im Rücken steckt. Bei Kroetz gesteht er auf Oblomows Bettkannte wie ein armer Sünder, daß er vom Erlös für den Verkauf seines Dorfs nur noch zwei Jahre leben kann, danach werde er womöglich „in einem Fluß zum Meer treiben“.