Von Gerhard Spörl

Seit nunmehr fünfeinhalb Wochen befinden; sich zwei inhaftierte Terroristen aus der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) im Hungerstreik. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, um zu erzwingen, daß ihre Forderung – Zusammenlegen; aller RAF-Gefangenen in ein oder zwei Gruppen; mit „freier politischer Information und Kommunikation“ – erfüllt wird. Am tödlichen Ernst der Pression besteht kein Zweifel. Es gibt ja genügend; Erfahrungen aus früheren Jahren. Beim allerersten Hungerstreik 1974 war Holger Meins gestorben; sieben Jahre später, zu Ostern 1981, Sigurd Debus. Und immer hatte es ein Echo jenseits der Gefängnismauern gegeben: Demonstrationen und Solidaritätskundgebungen, Bombenanschläge und Morde.

Terrorismus-Sachverständige klopften die obligate Erklärung zum Hungerstreik vom 1. Februar auf Absichten, Hoffnungen und Signale der RAF ab. Zwei Interpretationen drängen sich auf:

Diesmal fehlt, so die weniger pessimistische Einschätzung, die allumfassende Geste, mit der früher stets der „Krieg aus dem Knast“ mit dem „weltweiten Siegeszug des Anti-Imperialismus“ in eins gesetzt wurde. Die Rechtfertigung fällt fast bescheiden aus. Sie stellt eine zwiespältige Antwort auf die verschiedenen Initiativen der letzten Monate dar, sei es die Doppel-Begnadigung für Klaus Jünschke und Manfred Grashof in Rheinland-Pfalz, seien es die vorsichtigen Vermittlungsversuche der Grünen-Abgeordneten Antje Vollmer, von Martin Walser oder der Familie Braunmühl: „Von allen Seiten will man was von uns – aber wir können nicht zusammen reden.“ Aus solchen Sätzen spricht eher Ratlosigkeit und Verzweiflung denn Anmaßung oder Größenwahn.

Die Pessimisten hingegen entdecken anderes in der Erklärung. Nach wie vor gäben sich die RAF-Häftlinge der Illusion hin, draußen habe es ein irgendwie gearteter „revolutionärer Widerstand“ auf seine Fahnen geschrieben, „daß die Freiheit der politischen Gefangenen erkämpft werden muß“. Ist der Hungerstreik somit als Fanal für eine neue Terroristen-Generation zu verstehen, die in den Inhaftierten die Märtyrer der Revolution erblicken, als Fanfarenstoß für das nächste Attentat auf einen Repräsentanten von Staat und Gesellschaft?

So war es beim letzten Mal im Winter 1984/85: Hungerstreik für bessere Haftbedingungen und für „interaktionsfähige Gruppen“ („Es ist eine Machtfrage, weil es uns auch hier ums Ganze geht“); Abbruch am 63. Tag, weil ein „Kommando Patrick O’Hara“ den MTU-Manager Ernst Zimmermann ermordet hatte (Begründung: „Die Politik der Metropolenguerilla hat jetzt einen Durchbruch erreicht, um den der Kampf der letzten fünf Jahre ging“). Die RAF hat einen Hang zur Zahlen-Symbolik. Der neueste Hungerstreik begann auf den Tag genau vier Jahre nach dem Mord an Zimmermann.

Ein Novum bietet dieser Hungerstreik allemal. Die RAF wendet ein Verfahren an, das sie der IRA abgeschaut hat. Am 1. Februar verweigerten die Terroristen gemeinsam das Essen. Nach zwei Wochen unterbrachen alle außer zweien den Hungerstreik. Wieder zwei Wochen später kamen zwei hinzu; derzeit hungern also vier; Mitte März werden es gemäß der Ankündigung sechs sein; in diesem Rhythmus soll es weitergehen. Am Anfang haben bis zu 43 Straf- und Untersuchungsgefangene mitgemacht; nicht alle von ihnen zählen im engeren Sinn zur RAF. Am Ende kommen vermutlich 22 Terroristen als Glieder der Kette in Betracht. Dieser Hungerstreik könnte länger dauern als alle vorangegangenen.