Die hohen Auslandsschulden zwingen die Länder Lateinamerikas zu einer harten Wirtschaftspolitik

Von Carl D. Goerdeler

Wie ein Vulkanausbruch entlud sich vergangene Woche der Volkszorn in Venezuela. Der Aufruhr in den Avenidas und Armenvierteln von Caracas forderte mehrere hundert Tote. Plünderungen und Brandschatzungen verwüsteten die Innenstadt. Die Regierung rief den Notstand aus. Ist die Revolte von Venezuela das Fanal für einen Flächenbrand in den bankrotten Ländern Lateinamerikas?

Saftige Preiserhöhungen hatten den Ausbruch der, Volkswut in Caracas ausgelöst. Benzin, bis dahin billiger als Mineralwasser, wurde doppelt so teuer. Profiteure und Spekulanten nutzten die staatlichen Preiskorrekturen und schlugen kräftig auf. Die Busunternehmer, die das gesamte Transportwesen beherrschen, verlangten zum Wochenanfang das Doppelte der alten Fahrpreise. Da flogen die ersten Steine.

Die tieferen Ursachen für den Gewaltausbruch in Venezuela sind nicht die Fahrpreise, sondern die Schulden des einstmals wohllebenden Öllandes. Sie sind der Sprengstoff, der sich in fast allen Ländern Lateinamerikas angesammelt hat. Die von der Regierung dekretierten Preiserhöhungen – Teil eines umfangreichen Paketes zur Sanierung der Staatsfinanzen – waren nur der Zündfunke.

Vor einem Monat noch ließ sich Carlos Andres Pérez pompös zum Staatsoberhaupt eines angeblich demokratischen Musterlandes küren. Der charismatische Sozialdemokrat schaffte ein erstaunliches Comeback. Er war schon von 1974 bis 1979 Staatspräsident. Damals schwamm Venezuela in Petrodollars. Achtzehn Millionen Venezuelaner gebärdeten sich neureich; Geld spielte keine Rolle – das schwarze Gold sprudelte aus den Bohrlöchern des Maracaibosees und erzielte Höchstpreise auf den Weltmärkten. Pérez gab das Geld gerne aus. Als die Petroleumpreise fielen, war er nicht mehr Präsident und für den angewachsenen Schuldenberg zur Verantwortung zu ziehen.

Venezuela lebt immer noch vom Öl; fast neunzig Prozent seiner Exporteinnahmen kommen daher, doch die sind nur noch ein Bruchteil soviel wert wie früher. Die Zahlungsbilanz des Landes ist negativ. Venezuela hat keine Devisenreserven mehr, nur noch Schulden. Dagegen verordnete Perez eine Abmagerungskur nach den Rezepten des Weltwährungsfonds, den er einstmals als „Vehikel für ökonomischen Totalitarismus“ verteufelt hatte. Doch was auf dem Papier als vernünftiger Plan zur Sanierung der Staatsfinanzen und zur Erlangung eines 4,3-Milliarden-Dollar-Kredits erschien, hatte auf der Straße überraschende Folgen. Perez hatte selbstherrlich und arrogant die Einsparungen dekretiert und erntete Protest. Auf einmal war der Schwarze Peter wieder beim Weltwährungsfonds: „Er hat die Lunte angesteckt“, schrieb kurz und bündig die führende Zeitung Venezuelas.