Chefs, der Teufel sollte sie holen, wenn sie nicht auch immer wieder gebraucht würden, haben mich die letzten dreißig Jahre vorwiegend immer wieder in der Weise interessiert, wie man einen Geotrupes stercorarius (Großer Mistkäfer) unterm Mikroskop betrachtet. Selbst bei einer perversen Entgleisung, als ich vorübergehend selber Chef wurde, haben mich all die Jahre in einer Lebensauffassung bestärkt, die ich hier zur Beherzigung unter die Mehrheit der arbeitenden (Nichtchefs) Bevölkerung streuen will: Untertanenbewußtsein glaubt in fast allen Kulturen und Unkulturen, der Chef müsse seine Mitarbeiter sorgfältig aussuchen. Meine Erfahrung besagt jedoch: Gewissenhafter noch sollte sich der Angestellte seinen Chef aussuchen. Den entscheidenden Fehler, später dann häufig nicht mehr gutzumachen, begeht der arbeitende Mensch, wenn er den falschen Chef wählt.

Dein Chef, lieber Angestellter oder Gleichgestellter, dieses unbekannte Wesen, ist zunächst einmal auch nur ein Mensch, obwohl er das vielfach nicht wahrhaben will. Er hat Kreislauf, Blutdruck, Verdauung wie unsereiner. Sofern wir gleichen Geschlechtes sind, haben wir mit ihm sogar schon einmal gemeinsam vor der gekachelten Wand gestanden oder ihn hinter der spanischen Wand an der Klopapierrolle ziehen hören. Solcher Wissensunterbau ist zunächst einmal nötig, um uns unserem Studiensubjekt in der nötigen Unbefangenheit zu nähern.

Mit der Frage „Wie wird man General direktor?“ hat dies Kurt Tucholsky verdienstvollerweise bereits einmal getan und folgendermaßen formuliert:

„Macht man ein Examen? Nein, man macht kein Examen. Es ist einer der seltenen Fälle, wo man in Deutschland kein Examen macht. Wir haben Gärtnerburschen, deren Lehrherren glauben, daß Rosenschneiden ohne Abitur nicht die richtige Würze habe; unsere Motorenschlosser müssen das ‚Einjährige‘ haben, keine Handwerksinnung, die nicht darauf hält, daß ihre Leute höhere Schulbildung genossen haben, obgleich die doch gar kein Genuß ist... aber Generaldirektor wird man ohne Examen.

Wie wird man es? Kommt der Reichsverband deutscher Generaldirektoren und bringt dem neugebackenen Mitglied ein Diplom ins Haus? Singt ein Männeroktett auf dem Hof: Heil sei dem Tag, an dem du uns erschienen – Dideldumm, didellum, didellum? Wird man zum Generaldirektor ernannt? befördert? geweiht? Wie ist das? Wie macht man das?“

Gepriesen sei Tucholsky! In seiner meisterlichen Art enthebt er uns mühseliger eigener Überlegungen darüber, wie einer Chef wird. Und er führt uns gradlinig auf den Gedankengang, mit dem wir uns unserem jeweiligen Chef zu nähern haben, befehlige er nun eine Brigade von Atomphysikern oder Toilettenfrauen oder Klosternovizen. Wie bist du das geworden, Chef, du? Wer hat das aus dir gemacht? Hast du ein Diplom mehr? Andere haben dieselben Diplome! Bist du einen Zentimeter größer, dicker, dünner oder blonder? Who is your big brother? Gibt es nicht Fleißigere? Energischere? Fähigere? Kamst du mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt? He, Chef, oder bist du vielleicht genauso austauschbar wie ich?

Ich kenne solche und so’ne. Solche, die zweifeln keine Sekunde, daß sie Chef werden mußten und nichts anderes. Und so’ne, wie jener, dem ich mal erzählte, ich sei es zwar einmal gewesen, aber ich wüßte bis heute nicht, wie Chef geht. Da sagte mein Chef-Gegenüber, heute noch im Amte, wohlgemerkt: „Ich auch nicht.“