Von Rolf Henkel

Ottobrunn

Die einen nennen sie „Vulkan auf Stöckelschuhen“, die anderen „rote Hexe“. Ob sie wollen oder nicht: Jetzt müsen sich alle an eine neue, seriöse Anrede gewöhnen. Seit Sonntagabend ist Sabine Kudera (47) Frau Bürgermeister.

Ausgerechnet in Ottobrunn, das sich wegen seines größten Steuerzahlers Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) gern „Bayerns Denkfabrik“ oder „High-Tec-Zentrum des Freistaats“ nennt, hat die Soziologie-Professorin das schwarze Rathaus gestürmt und den seit zwölf Jahren regierenden CSU-Bürgermeister Horst Stähler-May (54) gestürzt.

Nur sechs von 2051 bayerischen Bürgermeistern sind SPD-Frauen, zwei Gemeinde-Chefinnen gehören freien Wählergemeinschaften an, die CSU stellt keine Frauen an der Rathausspitze. Acht Bürgermeisterinnen gegen 2043 Bürgermeister – die Frauenriege ist noch schwach in Bayern.

Sabine Kudera fand in Ottobrunn, der Gemeinde am südlichen Stadtrand Münchens, gute Bedingungen vor. Denn Stähler-May, der einst genau wie sie von der Bundeswehr-Uni im nahen Neubiberg kam, hatte sich heftig in die Nesseln gesetzt.

Da ist der „Fall Burbach“, benannt nach dem ehemaligen Kulturreferenten der Gemeinde, Rainer Burbach. Die Sache begann 1986 mit der Eröffnung des Kulturzentrums im Wolf-Ferrari-Haus. Musik, Ballett, Opern, Volkshochschule, Pop-Konzerte und Theater füllten die Säle. Ottobrunn, 15 Kilometer vom Münchner Marienplatz entfernt, entwickelte eine eigene Kulturszene. Bis Burbach ahnungslos in seinen Burkrach schlidderte, als er das Gastspiel eines Tourneetheaters mit der Aufführung des klerikal-kritischen Schauspiels „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth ins Programm nahm. Da meldeten sich plötzlich Pfarrer Alexander Siebenhärl und der Pfarrgemeinderat von Sankt Magdalena. Sie befanden, das Stück sei „eine Beleidigung für jeden Katholiken“ und forderten den Bürgermeister „nachdrücklich auf, eine derartige Verletzung der religiösen Gefühle zu verhindern“.