Von Wladimir Kulistikov

MOSKAU. – Polen ist ein einzigartiger Ort: Ein sowjetischer Besucher kommt sich dort vor wie ein Westler in der UdSSR. Die benzinschluckenden Ladas und die Fernsehgeräte der Marke „Rubin“ mit ihren verwaschenen Farben erscheinen einem hier wie Dinge aus einem Traum. Für US-Dollars ist alles zu haben. Aber auch der Rubel ist auf dem Warschauer schwarzen Markt willkommen – zum doppelten Wert des offiziellen Umtauschkurses. Doch selbst für spartanische Moskowiter sind die Warschauer Geschäfte ohne Versuchungen, von der jüngsten Verschärfung der Zollvorschriften ganz abgesehen.

So weiß denn der sowjetische Besucher nicht so recht, was er mit dem Haufen Zlotys anfangen soll, und führt in Warschau ein Luxusleben, wie er es sich in Moskau nie leisten könnte. Abends in den Restaurants tanzt er mit furchtlosen Schönen, die überzeugt sind, daß Aids in ihrem östlichen Nachbarland sehr viel langsamer um sich greift als Perestrojka.

Die Polen schätzen unsere Perestrojka, sind jedoch zugleich über ihre eigene Version enttäuscht. Einige Unternehmungslustige erklären: „Der Sozialismus ist der längste und schwerste Weg zum Kapitalismus“ – und stehen an den Pforten der amerikanischen und der kanadischen Botschaften Schlange, um sich diesen Weg zu erleichtern. Aber Visa sind hier ebenso Mangelware wie Fleisch und Wodka. Schon wird im Westen der Strom der Wirtschaftsflüchtlinge als Bedrohung des Arbeitsmarktes empfunden.

Der einzige polnische Arbeiter, der im Westen stets persona grata ist, heißt Lech Walesa, der Elektriker aus Danzig. Jahrelang war sein Name das Symbol der Opposition. Jetzt aber werden auch aus den Reihen von Solidarnosc Proteste gegen ihn laut. Er sagte mir, Solidarnosc sei keine eigentliche Opposition, denn sie strebe keinerlei politische Macht an. Ich glaube ihm. Denn im heutigen Polen gehört es zum guten Ton, in der Opposition zu sein und keine Macht anzustreben. Jeder ist eifrig dabei, Kritik vorzubringen. Aber nur einige wenige sind bereit, Verantwortung zu übernehmen und mitzuarbeiten. Das Ganze erinnert gefährlich an jenen alten polnischen Sejm, in dem jeder ein Vetorecht gegen alles hatte. Und so sieht sich Polen, das heute nah und fern von wohlwollenden Nachbarn umgeben ist, dem Geist einer fünften Kolonne gegenüber, die die Polen selbst geschaffen haben.

Wie stehen die Chancen, daß sie am Ende nicht siegen wird? Die einzige Hoffnung liegt in dem „Runden Tisch“, jener eindrucksvollen Einrichtung, die Sprecher der Regierung und der Opposition zusammenbringt. Die Gespräche an diesem Tisch sind nicht einfach. Denn heute bestimmen dieselben Leute die politische Szene des Landes wie schon Anfang der achtziger Jahre, und das Echo der bitteren Auseinandersetzungen von damals hallt immer noch nach. Dennoch scheint mir, daß der erste Schritt zur Zusammenarbeit der verschiedenen politischen Strömungen getan ist und die Grundlage für ein System, das mehr Pluralismus und Toleranz ermöglicht, bald gelegt werden kann.

Um lediglich neue politische Entscheidungsprozesse zu vereinbaren, mag der gute Wille aller Beteiligten ausreichen. Um aber eine leistungsfähige Volkswirtschaft auf die Beine zu stellen, die zudem ein harmonisches, gerechtes Verhältnis zwischen Sozialpartnern ermöglicht, ist mehr, vielleicht sogar ein Wunder nötig. Wenn wir im Osten über unsere Probleme reden, dreht sich die Diskussion vornehmlich um Fragen wie echte Wahlen, die Notwendigkeit, daß Regierungen verstärkt ihren Bürgern gegenüber verantwortlich sind und selbst um ein Mehrparteiensystem. Doch dabei fällt unter den Tisch, daß die richtige Prozedur, so wichtig sie ist, für sich allein noch nicht ausreicht, erfolgreich Politik zu machen.