Von Nikolaus Müller-Schöll

Die Welt ist explodiert, aber das ist nicht weiter tragisch. Brüllemeyer, Passko und Lusander, drei Gelehrte aus Java, sind dem Inferno mit üppigem Proviant entkommen. In einer achtkantigen Flasche düsen sie durchs Weltall und lesen sich Geschichten vor – ein Zukunfts-Szenario, entworfen von Paul Scheerbart in seinem Roman „Na Prost“, erstmals erschienen vor neunzig Jahren. Die drei Männer in der Flasche sind Germanisten, und den Autor, dessen Geschichten sie lesen, kennen sie – durchaus zunftgemäß – nicht. (Es ist natürlich kein anderer als eben Paul Scheerbart.)

Scheerbart ist einer jener Autoren, von denen viele „schon einmal etwas gehört“, aber noch nichts gelesen haben. Einer, auf den beinahe jeder Literaturstudent – darin den Germanisten in „Na Prost“ ganz ähnlich – irgendwann im Lauf seines Studiums stößt, dessen Namen er daraufhin – meistens vergeblich – in Literaturgeschichten sucht und dessen Werke er zuletzt mehr oder weniger vollständig und ziemlich jungfräulich im Regal einer Bibliothek findet.

Dabei hat Scheerbart es zu Lebzeiten (1863 – 1915) zu einigem Ruhm gebracht: Er beeinflußte mit seiner phantastischen Literatur Expressionisten und Dadaisten, entwarf auf dem Papier lange vor den Bauhausarchitekten eine Glashausarchitektur, lange vor Schlemmer und Kandinsky ein abstraktes Theater, wurde von Christian Morgenstern parodiert und von Walter Benjamin ausführlich gewürdigt: als einer jener „Barbaren“, die, – wie Brecht, Klee oder der Architekt Adolf Loos – mit dem Menschenbild der Vergangenheit brechen und sich dem „nackten Zeitgenossen“ zuwenden, „der schreiend wie ein Neugeborener in den schmutzigen Windeln dieser Epoche liegt. Niemand hat ihn froher und lachender begrüßt als Paul Scheerbart.“ Trotz alledem war Scheerbart zeit seines Lebens ein Außenseiter, beschäftigt mit unzähligen skurrilen Ideen, wie die Welt durch verschiedene Erfindungen zu verbessern sei. So berichtet etwa Erich Mühsam in seinen Erinnerungen von Scheerbarts langjähriger ernsthafter Arbeit an einem Perpetuum mobile. Mit einem solchen Gerät wollte Scheerbart seinen chronischen Geldmangel beheben und auf einen Schlag Multimillionär werden: „Perpeh nannte er sein Werk, und ich bekam Postkarten aus München mit dem Postskriptum: ‚Perpeh läßt Dich schön grüßen‘. Einmal teilte mir Scheerbart mit: ‚Perpeh ist fertig; es bewegt sich nur noch nicht.‘“

War das Experiment auch mißglückt, so fiel doch immerhin noch der Stoff für ein neues Buch ab: Sein Titel war „Perpetuum Mobile“, und Ernst Rowohlt, der Verleger, tat alles, um ihm zum Erfolg zu verhelfen. Er warb mit Plakaten und Anzeigen, druckte falsche Auflagenzahlen in die Exemplare und kaufte sogar, um die Buchhändler für das Werk zu interessieren, große Mengen wieder auf. Doch die Mühe war vergeblich: Das „Perpetuum Mobile“ blieb liegen, wurde – wie alle Bücher Scheerbarts – zum Ladenhüter. So ist es nicht verwunderlich, daß die meisten Bücher Scheerbarts nach seinem Tod keinen Verleger mehr fanden. Eine Auswahl seiner Geschichten, die 1955 auf den Markt gekommen ist, soll noch heute in manchen Buchhandlungen erhältlich sein. Sie erschien bezeichnenderweise in einer Reihe mit dem Namen „Verschollene und Vergessene“.

Um so erstaunlicher, daß nun innerhalb von drei Jahren bei sechs verschiedenen Verlagen insgesamt zehn der rund dreißig Werke Scheerbarts erschienen sind. Eine wahre Scheerbart-Renaissance scheint in Gang zu kommen. Ihre Ursache ist freilich weder Nostalgie noch ein plötzlicher Run auf phantastische Literatur. Sie hat vielmehr einen ganz profanen Grund: Bis zum siebzigsten Todestag eines Schriftstellers liegen die Rechte an seinem Werk bei den Erben oder – wie hier – bei einem Nachlaßverwalter. Der hat im Fall Scheerbarts Neuauflagen eher verhindert als gefördert.

Allein im vergangenen Jahr wurden vier Romane und ein „Wunderfabelbuch“ neu aufgelegt. Zwei kleine Verlage brachten „Na Prost!“, den von Scheerbart als „Phantastischen Königsroman“ bezeichneten Ausflug ins Weltall, „Ich liebe Dich“ und „Ja... was ... möchten wir nicht Alles!“ heraus, der Suhrkamp-Verlag ein Taschenbuch mit den beiden Romanen „Der Kaiser von Utopia“ und „Das graue Tuch und zehn Prozent Weiß“.