Von Wolfgang Hoffmann

Als RWE-Vorstandsmitglied Franz Josef Spalthoff Ende Februar im Atom-Untersuchungsausschuß des Deutschen Bundestages zu dem Störfall Stellung bezog, der Ende 1987 im RWE-Kernkraftwerk Biblis Block A stattgefunden hatte, aber erst ein Jahr danach bekannt gemacht worden war, beteuerte er in seiner einführenden Erklärung: "Wir haben umgehend entsprechende Konsequenzen gezogen."

Schon wenige Tage nach seiner Zeugenaussage sollte sich zeigen, daß Spalthoffs "umgehende" Konsequenzen – Nachschulung des Personals, technische Verbesserung am Kraftwerk und die Bereitstellung zusätzlichen Sicherheitspersonals – mit ziemlich genau zehnjähriger Verspätung gezogen worden sind. Denn was sich zwischen dem 16. und 17. Dezember 1987 im KKW Biblis Block A abgespielt hat und das Kraftwerk durch ein nicht geschlossenes Absperrventil an den Rand "eines nicht beherrschbaren Störfalls" (TÜV Bayern) brachte, ist lediglich die Wiederholung eines Vorgangs, der schon einmal am gleichen Ort stattgefunden hat, am 20. Oktober 1978. Auch damals führte ein undichtes Absperrventil zu einem Störfall mit "erhöhter Abgabe von Radioaktivität". Im Unterschied zum Störfall von 1987 wurde die "Undichtigkeit" damals rasch erkannt, und die Gegenmaßnahmen wurden bei abgeschalteter KKW-Anlage durchgeführt. Nach Bekanntwerden des zehn Jahre alten Störfalls bleibt festzuhalten: Die bisherige Behauptung, daß der "gravierende Störfall vom Dezember 1987 ein einmaliger Ausrutscher" war, ist falsch. Der Bundestagsabgeordnete Bernd Reuter (SPD): "Die Öffentlichkeit wurde erneut hinters Licht geführt."

Weit schwerwiegender als die Tatsache, daß die Öffentlichkeit wie schon so häufig hinters Licht geführt wurde, ist allerdings der Ablauf des 87er Störfalls. Seit Dezember vergangenen Jahres ist er Gegenstand hektischer Untersuchungen und heftiger Kontroversen. Was die Beamten von Umweltminister Klaus Töpfer mittlerweile bei ihren Recherchen in Biblis herausgefunden haben, belegt nachgerade beispielhaft eine schreckliche These des amerikanischen Soziologen Charles Perrow: "Ungeachtet all unserer Bemühungen sind einige der von uns entwickelten Systeme mit unvermeidlichen Risiken behaftet, so daß es bei ihnen zwangsläufig zu größeren Unfällen kommt, und insofern diese Risiken katastrophaler Natur sind, werden solche Katastrophen tatsächlich eintreten."

Nach dieser These wäre die nukleare Katastrophe unausweichliche Normalität, und Biblis war auf dem besten Wege dahin. Das ist aus den der ZEIT vorliegenden Berichten des Referates R I 5 (Aktenzeichen 512 203/2 beziehungsweise 29) mehr als deutlich herauszulesen. Bei seinen Ermittlungen, weshalb denn die Betriebsmannschaften aller drei Schichten des KKW nicht bemerkt hätten, daß die Ventilanzeigen am 16./17.12.87 auf "nicht zu" oder "auf" gestanden hätten, wurde dem Umwelt-Ministerialrat Theodor Himmel folgendes erklärt: "Beim Anfahren (des Reaktors, die Red.) stünde eine Vielzahl von Meldungen und Störmeldungen an, zum Teil, weil die jeweiligen Arbeitsbereiche der Instrumente noch nicht erreicht seien, so daß es dem Personal nicht immer möglich sei, alle zu erfassen."

Ministerialrat Himmel hatte offenbar einen wunden Punkt angetippt, denn er berichtet weiter: "Meine Frage, ob die dafür verantwortliche Ebene das weiß, wurde bejaht; was sie getan habe, hier etwas zu verbessern, da dieser Zustand ja bereits von Inbetriebnahme des Kraftwerks an bekannt sei, wurde ausweichend beantwortet."