Von Ahmad Taheri

Peschawar, im März

Hadschi Farup ist wütend. „Die Welt redet nur noch von dem verrückten Chomeini und diesem Inder Rushdie“, schimpft der Stammes- und Rebellenführer in der afghanischen Provinz Paktiar. Seit dem frühen Morgen hockt er in seinem Stützpunkt am Berghang und dreht an seinem Transistorradio, ob es etwas Neues von der Schura, dem in Islamabad tagenden Rat des afghanischen Widerstands, gibt. Erst am Abend meldet die BBC in Paschtu: Professor Sibghatullah Modschaddadi, Führer der moderaten moslemischen Widerstandsgruppe „Nationale Front für die Errettung Afghanistans“, sei von der Schura zum Präsidenten der afghanischen Übergangsregierung gewählt worden. „Seine Exzellenz“, jubelt der 35jährige Paschtune, der mit einer Schar von 200 Männern an der Seite der „Nationalen Front“ kämpft, „ist König geworden.“

Modschaddadi selbst bezeichnete sich indes als Zahn, „Führer des Landes“, als er einige Tage nach der Wahl im Hofe seiner Residenz in der pakistanischen Grenzstadt Peschawar zu 2000 Anhängern sprach, die ihm huldigten. „Im Islam“, sagte der 62jährige Theologe, „ist der Präsident der erste Mann im Staate, und damit ein Zaim, dem man nach Gottes Gebot und Propheten Geheiß zu folgen verpflichtet ist.“

Die Worte waren nicht bloße Rhetorik zu feierlicher Stunde. Sie enthalten politischen Zündstoff. In der Schura wurde nämlich nicht geklärt, wer nun in der provisorischen Regierung das Sagen hat: Modschaddadi als Präsident oder Abdul-rasul-Sayyaf, Chef der fundamentalistischen Partei „Islamische Einheit für die Freiheit Afghanistans“ als Premierminister.

Gewöhnlich wirkt Modschaddadi mit Brille, weißem Bart und aggressivem, aber höflichem Ton wie ein streitbarer Gelehrter. In seiner Residenz aber, weißgewandet, mit einem kunstvoll bestickten grünen Mantel über den Schultern, einer Schärpe aus goldenem Stoff über der Brust und einer Narzisse in der Hand glich er einem Priesterkönig oder einem gekrönten Derwisch. Für den Derwischorden der Naghschbandiah ist er fast ein König, ein „Erbheiliger“. Seine Vorfahren arabischer Herkunft, angeblich vom frühislamischen Kalifen Omar abstammend, waren einflußreiche Sufischeiche. Sie fungierten als Vermittler zwischen Hof und Volk, was ihnen fürstliche Schenkungen und fromme Spenden einbrachte. Die Familie besitzt noch heute ausgedehnte Besitzungen in fast allen Provinzen Afghanistans.

Modschaddadi studierte an der berühmten islamischen Universität Al-Azhar in Kairo. Als Theologe war er einige Jahre Hochschullehrer in Kabul, bevor er in den sechziger Jahren wegen seiner religiös-politischen Aktivitäten für vier Jahre und sieben Monate im Kerker verschwand. Nach der Freilassung leitete er für einige Jahre das „Islam-Institut“ in Kopenhagen, das von den Saudis finanziert wurde. Als die Kommunisten in Kabul die Macht ergriffen, gründete er im Nachbarland Pakistan seine „Nationale Front“, die er seitdem wie einen Familienbetrieb führt. Sein Bruder und seine Söhne haben die wichtigen Posten inne, ein weiteres Dutzend Modschaddadis bildet das loyale Funktionärsteam. Als konservativer, wohlhabender Theologe kämpft Modschaddadi nicht nur gegen den Kommunismus, sondern auch gegen den Islamismus seiner afghanischen Mitstreiter. Seiner Meinung nach wollen beide Ideologien die herkömmlichen Strukturen zerstören. „Wir Afghanen“, sagt er, „kennen vier sunnitische Rechtsschulen und eine schiitische, alles andere ist pure Häresie.“ Seit Jahren gilt er als „Königstreuer“, der versucht, dem im römischen Exil lebenden Exmonarchen Zahir Schah die Rückkehr zu bereiten.